Religionspädagogin & Religionspädagoge
«Jugendliche nicht einfach durchschleusen, sondern aktiv und individuell begleiten.»
Marlene Wirth, Religionspädagogin
Marlene Wirth arbeitet als Religionspädagogin und Co-Leiterin Gesamtpfarrei der Katholischen Kirchgemeinde Wil (SG).
«Die Arbeit mit jungen Erwachsenen, die sich auf dem Firmweg befinden, liegt mir besonders am Herzen. In meiner aktuellen Stelle trage ich als Co-Leiterin zudem Mitverantwortung für unsere Seelsorgeeinheit. Neben der inhaltlichen Arbeit gehören auch Sitzungen sowie koordinative und administrative Aufgaben zu meinem Alltag.
Von Maschinen zu Menschen
Ich bin über einen praktischen Beruf zu meinem heutigen Kirchenberuf gekommen. Ursprünglich habe ich eine KV-Lehre in der Maschinenindustrie gemacht. Der Mensch steht dort nicht im Zentrum. Das hat mir sehr gefehlt. Gleichzeitig war ich seit meiner Jugend im Jugendtreff, in der Firmbegleitung sowie als Lektorin und Kommunionhelferin meiner Pfarrei engagiert. Zuerst wollte ich mich auf eine freigewordene Stelle als Pfarreisekretärin bewerben, aber ich war noch jung und entschied mich, doch noch zu studieren. Schon als Kind wollte ich Lehrerin werden – mit der Ausbildung zur Religionspädagogin konnte ich diesen Wunsch mit meinem kirchlichen Hobby verbinden. Bis heute profitiere ich von meiner Ausbildung im Unterricht, in der Jugendarbeit, in der Gesprächsleitung und in der Projektarbeit.
Wie eine Hebamme der Glaubensfindung
Im Arbeitsalltag gibt es fixe Termine, dazwischen plane ich Inhalte, bereite Gespräche vor oder bin mit jungen Erwachsenen auf dem Firmweg. Wir bieten dabei verschiedene Zugänge an – kreativ, naturbezogen oder klassisch im Gespräch. Die Jugendliche sollen ihre eigene Art und ihren eigenen Ausdruck des Glaubens finden und beispielsweise die Möglichkeit haben, etwas mit den Händen zu gestalten. Mir ist es sehr wichtig, sie nicht einfach durchzuschleusen, sondern sie aktiv und individuell zu begleiten. Manchmal sagen sie mir, dass sie gar nicht so religiös seien, weil sie nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen. Im Gespräch merken sie dann, dass Spiritualität viel mehr ist als ein Besuch in der Kirche.
Ich betrachte mich manchmal als Hebamme der Glaubensfindung: Ich will in ihnen das herausbringen, was in ihnen schlummert. Im Glauben gibt es für mich kein Richtig oder Falsch. Die Jugendlichen sollen für sich etwas mitnehmen, das ihnen Kraft gibt. Wir besuchen spirituelle Orte, meditieren im Wald, pilgern, üben Stille oder entdecken gemeinsam die Kathedrale in St. Gallen. Diese Unterstützung in ihrer Selbstfindung und Selbstverwirklichung erfüllt mich.
Zeitmanagement und Grenzen setzen
Ich kann mir meine Arbeitszeit frei einteilen. Das ist für die Vereinbarkeit mit meinem Privatleben manchmal herausfordernd. Es hilft sehr, dass mein Mann Philipp auch in der Kirche tätig ist und wir uns in diesen Themen sehr gut verstehen. Es gibt immer mehr Ideen und Menschen, die unsere Zeit bräuchten – quasi ein ‹Fass ohne Boden›. Zwischendurch muss ich dann einmal eine Grenze ziehen zu meinem Beruf. Auch die öffentliche Wahrnehmung der Katholischen Kirche und die langsame Veränderung der Strukturen beschäftigt mich immer wieder. Aber wenn ich in die Augen der Jugendlichen blicke, spüre ich den Wert meiner Arbeit. Sie fühlen sich wertvoll und geschätzt. In diesen Momenten weiss ich, warum ich diesen Beruf gewählt habe. Einen besseren Job kann ich mir nicht mehr vorstellen.»
«Die Kirche ist ein Ort, an dem ich wachsen kann.»
Philipp Wirth, Religionspädagoge
Philipp Wirth arbeitet als Religionspädagoge mit Pfarreibeauftragung in der Jakobus Pfarrei in Steinach (SG).
«In meiner aktuellen Stelle als Pfarreibeauftragter übernehme ich ganz unterschiedliche Aufgaben. Zusammen mit dem Pastoralteam plane und gestalte ich Gottesdienste, begleite Taufen, Beerdigungen und Hochzeiten. Ebenfalls kümmere ich mich um die Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation. Unter der Woche arbeite ich oft im Büro: Ich telefoniere, führe Gespräche, organisiere und leite aktuelle Projekte wie den jährlichen Adventsmarkt, lese Texte und bereite Predigten vor. In der Kirche bin ich vor allem für Gottesdienste am Wochenende verantwortlich.
Das schönste Feedback bekam ich letztens in einem freieren und etwas spezieller gestalteten Gottesdienst, den wir als ‹Kreativfeier› bezeichneten. Während der Feier kam ein Mann auf mich zu und sagte: ‹Ich habe mein ganzes Leben lang immer versucht, alles zu befolgen und richtig zu machen. Es ist schön, wie du den Mut hast, etwas anderes auszuprobieren. Das tut uns gut.›
Vom Soliden zum Sinn
Als Jugendlicher wollte ich etwas Solides, Sicheres. Doch schon während der KV-Lehre merkte ich: Ich möchte nicht nur verwalten, sondern gestalten. Lange war für mich offen, ob ich Sozial- oder Religionspädagoge werden wollte. Die Entscheidung fiel durch eine unerwartete Situation. Ich übernahm eine Religionsstunde meiner Mutter in einer 3. Klasse. Wir sprachen über den Satz ‹Dein Reich komme›. Dieses Gespräch wurde überraschend tiefgründig und lebendig. Mir wurde klar, dass ich mit Menschen über Sinn- und Glaubensfragen nachdenken und sie auf ihrem Weg begleiten möchte.
Seelsorge einplanen
Heute leite ich das Seelsorge-Team und bin auch direkter Ansprechpartner für meine Gemeinde. Die seelsorgerische Arbeit macht einen grossen Teil meines Alltags aus, ist aber schwer vorhersehbar. Manche Menschen vereinbaren online einen Termin mit mir, andere stehen spontan vor der Tür. Zuerst kläre ich ab: Geht es ums Zuhören, um eine konkrete Lösung für ein Problem oder um das Diskutieren von existenziellen Fragen? Die Frage nach Gott wird selten direkt gestellt, schwingt aber oft mit – besonders in Trauergesprächen oder wenn wir uns mehrmals treffen. In Notsituationen muss die eigene Familie und das Privatleben auch einmal hinten anstehen. Solche Situationen sind schwer planbar.
Freiräume finden und gestalten
Manchmal überkommen mich auch Zweifel. Ich ringe mit engen Vorgaben und stelle mir selbst oft die Glaubensfrage. Das Umfeld der Katholischen Kirche erlebe ich als anspruchsvoll: Verschiedene Erwartungen, Gremien und finanzielle Rahmenbedingungen können Prozesse manchmal bremsen. Da Freiräume zu finden und zu gestalten, ist nicht immer einfach für mich. Und trotzdem entscheide ich mich bewusst, zu bleiben. Denn ich arbeite gern mit Menschen und die Kirche ist für mich ein Ort, an dem spirituelle Fragen offen gestellt werden dürfen – und an dem ich wachsen kann.»
«Oft denke ich: Was für eine tolle Aufgabe! Ich kann mich einbringen und kreativ sein.»
Marija Neururer, Religionspädagogin
Marija Neururer arbeitet als Religionspädagogin für den Pastoralraum Bischofsberg in Bischofszell.
«Bei uns zu Hause spielte der Glaube schon immer eine wichtige Rolle. Meine Eltern stammen aus Kroatien. Zuerst habe ich lange in der kroatischen Mission ministriert, später engagierte ich mich in meiner Wohngemeinde als Oberministrantin. Die Arbeit mit den Kindern hat mich erfüllt und mein Interesse an religiösen Themen geweckt.
Ich habe eine Lehre als Detailhandelsfachfrau im Bereich Nahrungs- und Genussmittel gemacht. Noch während der Lehre fragte mich der Pastoralassistent der Pfarrei Kreuzlingen, ob ich nicht Lust hätte, hauptberuflich für die Kirche zu arbeiten. Er wies mich auf das RPI Luzern hin, das ich bis dahin gar nicht gekannt hatte.
Im dritten Lehrjahr durfte ich punktuell jüngere Lernende betreuen. Jemandem etwas zu erklären, hat mir immer gefallen. Ich konnte nie verstehen, wenn jemand mit jungen Leuten keine Geduld hat. Also habe ich mich für die Aufnahme am RPI beworben. Während den ersten zwei Jahren am RPI konnte ich 50 Prozent im Detailhandel weiterarbeiten. Studium und Arbeit unter einen Hut zu bekommen, war für mich sehr anspruchsvoll. Obwohl ich mein Ziel immer klar vor Augen hatte, wusste ich manchmal nicht, ob ich das schaffe. Im dritten und vierten Jahr habe ich meine Praxiszeit in der Pfarrei St. Paul in Luzern absolviert. Diese lehrreiche Zeit hat mich in meiner Berufswahl bestärkt und ich war gewappnet für meine zukünftige Stelle.
«Viele denken, dass Religionspädagoginnen vor allem im Unterricht präsent ist. Sie sind dann ganz erstaunt, wenn ich erzähle, was ich sonst noch so mache.»
In unserer Pfarrei sind wir drei hauptamtliche Personen: der Pfarrer, die Pastoralassistentin und ich. Als Religionspädagogin verläuft jede Woche anders. Abgesehen von den fixen Unterrichtszeiten und Sitzungen bin ich sehr flexibel. Nach dem Religionsunterricht bereite ich Lektionen und ausserschulische Projekte für Kinder und Jugendliche vor. Ich organisiere die Firmvorbereitung und Familiengottesdienste oder helfe bei Pfarrei-Anlässen mit. Am Wochenende bin ich oft mit Jugendlichen unterwegs. Ich leite die Jugend- und Ministrantengruppe und das Katecheten-Team des Pastoralraums. Aktuell begleite ich eine Studierende des RPI während ihrer Praxiszeit in unserem Pastoralraum.
Unterricht ist nur ein kleiner Teil
Dieses Jahr unterrichte ich in fünf Klassen. Viele denken, dass man als Religionspädagogin vor allem im Unterricht präsent ist. Sie sind dann ganz erstaunt, wenn ich erzähle, was ich sonst noch so mache, beispielsweise in der Jugendarbeit. An meinem Beruf schätze ich die vielen Freiheiten. Ich muss nicht wie bei einem Bürojob fixe Zeiten absitzen. Ich kann meine Kreativität ausleben und neue Projekte und Ideen umsetzen.
Es gibt ja viele Menschen, die regelmässige Arbeitszeiten brauchen. Ich hingegen nicht. Mir macht es nichts aus, wenn ich an einem Sonntagabend eine Veranstaltung habe. Wenn ich ein Wochenende durchgearbeitet habe, schätze ich es umso mehr, wenn ich dafür an einem anderen Tag frei nehmen kann. Da ich bei so vielen Gremien und Gruppen dabei bin, ist der administrative Aufwand nicht zu unterschätzen. Ich arbeite mit vielen verschiedenen Freiwilligen zusammen und schreibe entsprechend viele Mails, damit alle auf dem neusten Stand sind.
Während des Studiums muss man offen sein und die Bereitschaft mitbringen, Dinge zu hinterfragen. Die theologischen Fächer haben mir dabei geholfen, den katholischen Glauben besser kennenzulernen. Und ich war doch einige Male erstaunt, wie vielfältig dieser ist. Während der Praxiszeit konnte ich das Gelernte direkt in der Praxis ausprobieren.
Team- und Kritikfähigkeit sind wichtig
Auch bei der Arbeit in der Pfarrei braucht es im täglichen Umgang mit Menschen Offenheit. Daneben sollte man als Religionspädagogin Freude an religiösen Themen und an der Glaubensvermittlung haben sowie teamfähig sein, da man mit vielen verschiedenen Menschen zusammenarbeitet. Und man sollte die Fähigkeit mitbringen, mit Kritik gut umzugehen: Man exponiert sich in diesem Beruf doch sehr, und das Feedback kommt jeweils unvermittelt. Da ist es hilfreich, reflektieren zu können, ob man auf dem richtigen Kurs ist. Aber es ist genauso wichtig, zu dem zu stehen, was man macht.
«Ich war lange Oberministrantin. Dieses Hobby habe ich nun zu meinem Beruf gemacht.»
Mir ist der Glaube sehr wichtig. Oft höre ich, dass die katholische Kirche langweilig und altmodisch sei. Ich möchte vor allem den Jugendlichen aufzeigen, dass das nicht so ist. Für Kritik bin ich offen, mir ist es aber auch wichtig, dass sich die Jugendlichen aktiv in der Kirche vor Ort einbringen, denn nur so kann ein Wandel gelingen.
Ich finde es spannend, mit Kindern und Jugendlichen über Glaubensfragen zu diskutieren und sie aus der Reserve zu locken. Kommt man mit ihnen ins Gespräch, stellt man fest, dass Jugendliche sehr wohl eine Meinung zu Glauben und Religion haben – oft einfach nicht die klassischen Bilder dazu. Ich bin gern mit Jugendlichen unterwegs, habe gute Gespräche mit ihnen. Oft denke ich: Was für eine tolle Aufgabe! Und dafür werde ich auch noch bezahlt.
Viel mehr Freiraum als im alten Beruf
Ich trete gerne mit anderen Menschen in Kontakt und geniesse die Freiheit, an einem Projekt zu arbeiten, wie und wann ich will. In meinem alten Beruf als Detailhandelsfachfrau hätte ich nicht so viel mitentscheiden können, die Strukturen waren gegeben. Jetzt kann ich mich einbringen, kreativ sein, Konzepte entwickeln, das mag ich.
Dennoch würde ich zuerst wieder eine Lehre im Detailhandel machen. Auch da habe ich viel für mich gelernt, zum Beispiel, was es heisst, anzupacken. Noch heute profitiere ich von Dingen, die ich in der Berufsschule gelernt habe. Und die helfen mir auch in meinem neuen Beruf.»
«Im Glauben finden viele Kulturen unter einem Dach zusammen. Das gibt mir Heimat.»
Sonja Lofaro, Religionspädagogin RPI
Sonja Lofaro arbeitet als Religionspädagogin bei Missio im Bereich Kinder und Jugend in Freiburg.
«Ich bin eine klassische Quereinsteigerin, denn ich fand erst mit 25 Jahren den Berufseinstieg in die Kirche. Nach einer KV-Lehre bei der Post blieb ich ein Jahr auf dem Büro, und nach einem längeren Sozialeinsatz in Südamerika war ich in der Administration eines Beratungsbüros tätig. Aber an eine Veränderung hatte ich eigentlich schon nach der Lehre gedacht: Ich bin ein Mensch, der nicht gerne stehen bleibt im Leben. Und einen Fuss hatte ich schon immer in der Kirche, denn ich war lange Ministrantin und bis 25 auch Ministrantenleiterin. Zudem sind meine Eltern gläubig, und ich ging als Kind jeden Sonntag in die Messe. Die Kirche war für mich also keine Unbekannte, und mit der Zeit ist die Sehnsucht nach Gott gewachsen.
In der Auseinandersetzung mit mir selbst wurde mir bald klar: Ich brauche eine Arbeit, wo ich mich mehr als Mensch eingeben kann, als das im Büro der Fall ist. Lange tendierte ich mit meinen Plänen Richtung Sozialarbeit oder Psychologie. Die Infos darüber waren immer okay, aber eben nicht mehr. Eher per Zufall stiess ich beim Surfen im Internet mit meiner Schwester dann auf das Religionspädagogische Institut (RPI) der Universität Luzern. Gleich am Tag danach fand eine Infoveranstaltung statt. Ich ging hin und fühlte mich sofort daheim: Jetzt bist du dort, wo du eigentlich sein solltest, war mein Gefühl. Dabei wollte ich eigentlich lange weder in den Lehrerberuf wechseln noch etwas in der Kirche arbeiten.
Als Mensch und im Glauben wachsen und reifer werden
Da war es nur logisch, dass ich trotz allem lange mit mir selber kämpfte: Ist es das Richtige, in der Kirche zu arbeiten, und als Pädagogin, werde ich da glücklich sein? Aber schliesslich meldete ich mich an, und das habe ich nie bereut. Die Ausbildung zur Religionspädagogin ist sehr vielseitig; es ist eine unglaubliche Fülle an Wissen, die ich da aufnehmen durfte. Dadurch konnte ich als Mensch und im Glauben wachsen und reifer werden. Das Studium erfordert eine ganze Reihe von Auseinandersetzungen mit den unterschiedlichsten Themen, und mit sich selbst. So lernte ich, vor Menschen hinzustehen, zu reden und Dinge oder mich selbst zu erklären. Das war eine wichtige Entwicklung für mich. Wir diskutierten viel in der Ausbildung, und ich fragte mich auch immer wieder: Glaube ich noch? Trotz den Zweifeln und dem Ringen, das beides zum Glauben gehört, konnte ich diese Frage für mich immer wieder mit einem Ja beantworten. Aber die Ausbildung bringt dich ganz schön durcheinander.
Eine Dozentin brauchte einmal das Bild eines Puzzles: Am Anfang schaffst du eines mit nur wenigen Teilen, wie ein kleines Kind. Dann steigerst du dich, du schaffst immer grössere Puzzles mit mehr und kleineren, präziseren Teilen. Am Schluss landest du bei der dritten Dimension. Es kommt ständig neues Wissen hinzu, deine Augen öffnen sich und du erkennst immer mehr die Zusammenhänge. Der Glaube erfuhr so eine tiefere Dimension und wurde immer mehr zum prägenden Teil meiner Identität. Doch die Ausbildung am RPI ist nicht alles. Die persönliche Auseinandersetzung und die Arbeit an dich selbst sollte immer wieder ein Teil deines Lebens sein. Stille, Gebet, Bibelmeditationen, Exerzitien und der Austausch über den Glauben mit anderen Menschen gehören seit langer Zeit zu meinem Leben. Nur durch diese persönliche Vertiefung kann ich meinen Beruf ausüben.
Als Religionspädagogin mit Menschen jeden Alters arbeiten
Wer die Berufsbezeichnung Religionspädagogin hört, nimmt meistens an, dass man nur mit Kindern und allenfalls Jugendlichen arbeitet. Doch dem ist nicht so. Viel wichtiger als ein Abschlussdiplom muss immer wieder die Frage nach der Berufung, nach den Charismen und nach den Talenten sein. In meinem Fall darf ich daher, neben dem Religionsunterricht und der Jugendarbeit mit Erwachsenen, auch einen Bibelabend führen, Liturgien mitgestalten und zwischendurch ältere oder kranke Menschen besuchen. Da auch die Musik immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens war, kann ich des Öfteren meinen Gemeindeleiter bei Taufen, Beerdigungen oder Hochzeiten begleiten und mit meinem Gesang die Feier mitgestalten. Auch das ist für mich ein wichtiger Teil meines Alltages in der Pfarrei.
«Ich liebe es, immer wieder Gott ins Spiel zu bringen und zu sehen, was einem da geschenkt wird.»
Überhaupt darf ich so vielen unterschiedlichen Menschen begegnen, wie ich das vorher nie hatte. In diesen Begegnungen werde ich Teil ihres Lebens. Das ist berührend, und es ist auch eine Ehre, zuhören zu dürfen. Ich höre und schaue, was in meinen Gesprächspartnern abgeht, das ist spannend und herausfordernd. Ich liebe es, immer wieder Gott ins Spiel zu bringen und zu sehen, was einem da geschenkt wird. Das ist jedes Mal anders.
Es ist schon eine grosse Freiheit und ein Privileg, meinen Arbeitsalltag so einzuteilen, wie ich will. Und gleichzeitig Zeit zu haben, um einen grossen Teil meiner Identität und Berufung auszuleben. Ich darf etwas leben, das mir wichtig ist, und was meine Leidenschaft ist und in mir brennt, mit anderen Menschen teilen. Wenn ein Junger ebenfalls das Gefühl hat, er brenne für die Menschen und für Gott, dann muss er es probieren.
Manchmal kann die Struktur der Landeskirche allerdings auch einengen. Und wenn die Struktur wichtiger ist als der Mensch, habe ich Mühe. Ebenso wenn ich erlebe, dass die Kirche mehrheitlich zu einem Verwaltungsapparat wird, der sich nur noch um sich selbst dreht. Aber alles in allem kann ich in meinem Beruf die eigenen Fähigkeiten mit ziemlich viel Freiraum entwickeln. Damit muss man auch umgehen können, das macht es nicht immer einfacher.
Offen sein für Menschen, Begegnungen und Geschichten
Um Religionspädagogin zu sein, braucht es Freude am Glauben und Leidenschaft. Man muss ein Feuer in sich spüren, das einen vorantreibt. Dann muss man offen sein für Menschen, Begegnungen und Geschichten, aber auch für Sorgen und weniger schöne Sachen. Die Basis dazu ist für mich meine Beziehung zu Gott, erst das ermöglicht mir die Begegnung mit Menschen. Und mit diesen Menschen darf ich über Glaubensfragen zusammen nachdenken und ringen.
Nicht nur die Ausbildung ist vielfältig, auch der Arbeitsalltag ist es. Ich darf Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten und Kreisen kennenlernen. Das konnte ich früher nicht. Meine Arbeit vollzieht sich in der Begegnung mit den Menschen, im Einbringen meiner Charismen und meines Wissens und ist im Glauben an Gott verankert. In der Kirche finden verschiedene Kulturen, Nationalitäten und Sprachen unter einem Dach zusammen. Dies, verbunden mit der gemeinsamen Frage nach Sinn und Glauben, macht es für mich ziemlich einzigartig und gibt mir eine Heimat.
Das ist für mich Heimat: die kulturelle Vielfalt der Menschen verbunden mit der gemeinsamen Frage nach dem Glauben.
«Kreativ sein, neue Konzepte und Ideen entwickeln. Das ist viel wert.»
Simon Spielmann, Religionspädagoge und Jugendarbeiter
Simon Spielmann ist Religionspädagoge und Jugendarbeiter im Pastoralraum Gäu.
Mein Weg in die Kirche ist etwas aussergewöhnlich. Ich war ursprünglich Orthopädist und hatte auch neun Jahre auf diesem Beruf gearbeitet, in einer privaten Orthopädiefirma, die Spitäler und Heime als Kunden hatte. Auch damals hatte ich viel mit Menschen zu tun, vom Baby bis zu älteren Leuten. Diese Kontakte fand ich immer schon spannend. Ich machte mir aber Gedanken zu meiner zukünftigen Arbeit, wollte ich doch nicht mein ganzes Leben als Orthopädist arbeiten.
Theologische Themen hatten mich schon immer interessiert, deshalb schaute ich mir die Ausbildung am RPI in Luzern etwas genauer an. Das Fächerangebot sagte mir sehr zu, das Studium ist sehr breit. Ich ging dann an einen Infoanlass und sprach mit Studierenden und Dozierenden, und mein positives Gefühl verstärkte sich. Die Vielfalt, die Auseinandersetzung mit Theologie, Philosophie oder Didaktik, das faszinierte mich.
Nun arbeite ich das dritte Jahr im Pastoralraum Gäu, seit August 2016 zu 100%. Zuvor hatte ich während des Aufbaustudiums am RPI mein Praktikum im Pastoralraum Gäu absolviert und 40 bis 50% dort gearbeitet. Die Beschäftigung mit ganz unterschiedlichen Menschen gefällt mir sehr: mit Kindern im Religionsunterricht, von der dritten Klasse bis zur ersten Oberstufe, mit Jugendlichen in der Jugendarbeit wie der Firmvorbereitung, aber auch mit reformierten Kolleginnen und Kollegen. Kinder und Jugendliche auf einem Abschnitt ihres Lebenswegs zu begleiten und beim Finden ihres Glaubens zu unterstützen, ist eine schöne Aufgabe.
Authentisch sein und sich selber bleiben
Wer junge Leute begeistern will, muss authentisch sein und sich selber bleiben. Ich kann nur Dinge vermitteln, hinter denen ich voll stehen kann. Bist du nicht glaubwürdig, merken das Kinder und Jugendliche sofort. Man muss in diese Rolle auch reinwachsen, das ist zu Beginn nicht ganz einfach. Aber wenn man mal drin ist, ist es spannend und bereichernd. In einem Lager zum Beispiel bekommt man auch ganz anderes mit vom Leben der Jugendlichen als im Schulzimmer.
Ich schätze die grosse Freiheit, die mein Beruf mit sich bringt. Kreativ sein, neue Konzepte und Ideen entwickeln. Das ist viel wert. Klar, wir haben unsere Vorgaben und ein Pflichtenheft, auch der Lernstoff im Religionsunterricht ist vorgegeben. Aber wie ich das vermittle, ist mir überlassen.
«Ich will aufzeigen, dass die Kirche nicht verstaubt und hinter dem Mond ist.»
Da ich im katholischen Glauben aufgewachsen bin, bin ich in der Kirche beheimatet und fühle mich hier sehr wohl. Es reizt mich, Jugendlichen etwas davon weiterzugeben – und das in einer Zeit, in der viele mit der Institution Kirche gar nichts zu tun haben wollen, weil sie diese als veraltet anschauen. Ich will aufzeigen, dass die Kirche nicht verstaubt und hinter dem Mond ist.
Organisatorisch stellt mein Beruf hohe Anforderungen. Wenn man Religionsunterricht gibt, Erstkommunikanten vorbereitet, Präses einer Jungschar ist und daneben noch weitere Jugendarbeit leistet, muss man auch auf die eigenen Freiräume achten. Ich könnte locker 200% arbeiten, aber damit würde ich mir keinen Gefallen machen. Ich muss mir immer wieder der unterschiedlichen Rollen bewusst sein: Stehe ich im Schulzimmer, habe ich nicht die gleiche Rolle wie als Präses im Jubla-Lager. In der Schule bin ich der Lehrer Spielmann, im Lager der Simon. Aber genau diese Abwechslung macht es aus.
«Reden wir übers Beten, beginne ich mit Facebook und WhatsApp.»
Marco Martina, Religionspädagoge
Marco Martina arbeitet als Religonspädagoge im Bereich der Jugendpastoral. Er leitet seit 2019 die Animationsstelle für kirchliche Jugendarbeit im Dekanat Zürich-Stadt.
Zum Beruf fand ich im Grunde dank meiner Gitarre. Bis 18 war die Kirche kein Thema für mich. Meine Familie stammt aus Süditalien. Vater war mit seinen Obst- und Lebensmittelständen immer unterwegs, Mutter zog uns vier Kinder praktisch allein auf – da blieb höchstens mal Platz für eine Weihnachtsmesse. Eines Tages nahm mich ein Kollege in eine Jugendgruppe der Missione cattolica in Neuhausen mit. Der Missionar dort hatte es drauf mit den Jugendlichen. Als er von meiner Gitarre hörte, liess er mich im Gottesdienst spielen. So bin ich ins kirchliche Umfeld reingewachsen.
«Was du erzählst, musst du auch vorleben. Sonst nehmen dich die Jungen nicht für voll.»
Die Gemeinschaft war ebenso wichtig wie die jeden Freitag stattfindende Katechese für junge Erwachsene. Meist ging der Grossteil von uns Jüngeren nachher Pizza essen. Nebst meiner Leidenschaft für Fussball, der ich aktiv als Spieler in einem Verein nachging, verbrachte ich fast meine ganze Freizeit in der «Missione», leitete Jugendgruppen und organisierte Aktivitäten. Auch meine Frau lernte ich dort kennen. Das hat mich geprägt: zu sehen, wie du als Jugendlicher in der Gemeinschaft zum Glauben finden kannst.
Nach der Schule machte ich erst mal die Ausbildung zum Industriekaufmann. Obwohl ich nie richtig glücklich wahr während meiner Ausbildung, schrieb ich mich an der Fachhochschule fürs BWL-Studium ein, wollte Manager werden. Doch der Gedanke, meine Leidenschaft für die Jugendarbeit und Gott zu meinem Beruf zu machen, packte mich immer mehr. Da erzählte mir eine Kollegin vom Religionspädagogischen Institut, wo ich gleich im Jahr 2010 anfing und im Jahr 2014 abschloss.
Zu Beginn des Studiums stand ich an. Ich hatte den Glauben erst gerade entdeckt und schon sollte ich ihn wissenschaftlich hinterfragen. Doch ich wuchs an den Diskussionen, fand meine eigene Sicht. Parallel arbeitete ich bei IKEA, später als kirchlicher Mitarbeiter in der Pfarrei, um mein Studium zu finanzieren. In dieser Zeit gab ich aus zeitlichen Gründen auch das Fussballspielen auf – kein einfacher Schritt für mich. Zunächst interessierte mich im Studium nur die Jugendarbeit, für die Idee, Religionsunterricht zu erteilen, konnte ich mich am Anfang nicht erwärmen. Heute bin ich aber begeisterter Jugendarbeiter und Religionslehrer.
Beruf und Familie unter einen Hut bringen
In kirchlichen Berufen musst du oft am Abend arbeiten. Mit drei kleinen Kindern, die den Papa am Abend zum Spielen, Geschichtenlesen und gemeinsamen Singen brauchen, ist das nicht immer einfach. Es braucht eine gesunde Familienstruktur und vor allem eine starke und unterstützende Frau im Hintergrund.
Ich liebe meine Arbeit, mache sie aus Überzeugung und heute noch wie einst als Ehrenamtlicher. Zeit mit Jungen zu verbringen, ist für mich in meiner Arbeit das Wichtigste. Gott sei Dank stoppt mich meine Frau, wenn ich vor lauter Elan zu viel arbeite.»
«Für Kleinere erfinde ich ein Leiterlispiel zum heiligen Franziskus: So wird Religion lebendig.»
Patrizia Vonwil-Immersi, Religionspädagogin
Patrizia Vonwil-Immersi ist Religionspädagogin und erteilt in Stans NW Religionsunterricht in der Primar- und Orientierungsstufe. Sie gestaltet Familiengottesdienste, ist Präses in der Pfadi und begleitet Jugendliche auf dem Firmweg. 2024 übernimmt Patrizia Vonwil-Immersi die Leitung der neuen gemeinsamen Fachstelle von OKJ (Offene kirchliche Jugendarbeit) und damp (Deutschschweizer Arbeitsgruppe für Ministrant*innenpastoral).
«Muss man alt sein, um Ordensfrau zu werden? Hatten Sie schon einen Freund?», fragen die Schüler, wenn wir im Kloster sind. Die Ordensfrauen geben gerne Auskunft. Im Unterricht ist der Bezug zum täglichen Leben wichtig. Wir besuchen das «Spuntan», eine Notaufnahme für Jugendliche, oder sehen uns themenbezogene Filme an. In der Orientierungsstufe wählen die Jugendlichen die Themen selbst – ob Judentum, Okkultismus oder Todesstrafe. Oft muss ich mich komplett in ein neues Gebiet eingraben. Auch schon stand ein Muslim den Schülerinnen und Schülern Rede und Antwort zum Islam: «Warum dürfen die Kinder nicht in die Badi? Gibt’s auch für Männer Kleidervorschriften?» Für Kleinere erfinde ich ein Leiterlispiel zum heiligen Franziskus: Wer beim Papst seine Kleider auszieht, muss zweimal aussetzen. So wird Religion lebendig.
Du hast nie 20 Engel in der Klasse. Da braucht’s Ausdauer und klare Regeln. Bei schwierigen Schülerinnen und Schülern musst du voll da sein, mitbekommen, was läuft. Das gelingt nicht immer. Zum Glück habe ich einen guten Draht zu den übrigen Lehrpersonen. Bei denen hole ich mir Infos. Ich mag die tägliche Herausforderung mit den Jugendlichen, die thematische Vielfalt von den Kleinen bis zu den Grossen. Habe ich mal wieder eine besonders schwierige Klasse, bin ich froh, nur eine Doppellektion pro Woche zu unterrichten!
Jugendlichen zeigen: Kirche besteht aus Menschen
Engagement in der jugendlichen Verbandsarbeit gehört zum Job: Als Präses in der Pfadi höre ich in die Höcks rein, coache Leiterinnen und Leiter bei Problemen, bin Ansprechpartnerin für die Eltern und im Lager begleitend dabei. Auf dem Firmweg bin ich mit Jugendlichen ab 18 von September bis Sommer unterwegs, um sie auf die Firmung vorzubereiten – mit Gruppen- und Firmkursabenden sowie Sozialpraktika, etwa auf einer Alp oder mit Behinderten. Vom Infoabend bis zum Thema gleisen wir im Zweierteam alles auf.
Etwa zum Motto «mission possible»: Vieles wird möglich, wenn sich Menschen etwas zutrauen und sich für etwas einsetzen. Als Verkörperung dieser Grundhaltung spannen wir vor der Kirche eine Hängebrücke. Daran hängen Fähnchen, auf denen die Firmanden Farbe bekennen: Was ist mir wichtig im Leben? Wofür setze ich mich ein? Was trägt mich? So erfahren die Jugendlichen, dass Gott vor allem dort wirkt, wo Menschen das Leben gemeinsam anpacken und Veränderung möglich machen.
«Du bist nie allein, arbeitest immer im Team.»
Als Religionspädagogin sind Teilzeitjobs gang und gäbe, du kannst dir die Arbeit frei einteilen. Beides ist perfekt, um Beruf und Familie zu verbinden. Du bist nie allein, arbeitest immer im Team. Das geht nur, wenn du dich gerne mit Menschen abgibst. Einzelgänger wären verloren. An der Basis ist es egal, ob du eine Frau oder ein Mann bist. Da zählt nur dein Engagement.
Das Hobby zum Beruf gemacht
Mit sechzehn hätte ich mir nie träumen lassen, Religionspädagogin zu werden. Damals hatte ich anderes im Kopf, wie die meisten Jugendlichen. Ich absolvierte eine Drogistenlehre und die Kosmetikschule, war zwei Jahre als Sachbearbeiterin in einem grossen Drogerieunternehmen tätig und sammelte viele Erfahrungen. Der Kontakt zu Menschen war mir dabei schon immer wichtig. Den Stein ins Rollen brachte mein damaliger Präses in der Pfadi: Dank ihm begann ich ehrenamtlich im Pfarreirat mitzuwirken, wurde später Firmbegleiterin. Ich investierte viel Freizeit in diese Arbeit, empfand sie als wertvoll und lehrreich. Da fragte ich mich plötzlich: Warum machst du’s nicht zum Beruf?
Ich ging an eine Infotagung, war überzeugt und meldete mich am Religionspädagogischen Institut in Luzern (RPI) an. In der berufsbegleitenden Ausbildung lernte ich unglaublich viel. Zum Glück konnte ich bei Fragen aufs Pfarrteam zurückgreifen. Ich war vor, während und nach meiner Ausbildung immer hier in Stans aktiv. Das ist eher aussergewöhnlich.»
«Der Nimbus des Pfarrers ist heute verloren. Das spornt an, sich Respekt zu verdienen.»
Daniel Krieg, Priester
Daniel Krieg leitet die beiden Pfarreien St. Martin und Bruder Klaus im Seelsorgeraum Altdorf UR.
«Da kommt der junge Schnösel und weiss alles besser», dachten wohl manche, als ich als Pfarrer in Altdorf begann. Die Gemeinde war in zwei Pfarreien geteilt. Beim Zusammenführen stiess ich zuerst auf Widerstand. Heute ziehen wir an einem Strick. Früher gab es fünf Priester, heute bewältige ich das Pensum mit meinem Pfarreiteam. Das gelingt auf Dauer nur, wenn die Leute vom alten Versorgungsdenken wegkommen, ihren Glauben aktiver leben und sich engagieren. Es ist spannend, traditionelles Denken aufzubrechen, braucht aber Zeit.
Ein gut gepackter theologischer Koffer ist nützlich. Doch auch mit dem Kopf im Himmel musst du mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. Früher war der Pfarrer ein Gott in Schwarz. Heute hast du den Nimbus verloren, musst dir den Respekt erst verdienen. Das spornt mich an. Der Job geht manchmal an die Nieren – ob Notfallseelsorge bei Lawinenverschütteten, Spitalbesuche oder Todesfälle daheim. Es berührt, wenn du Einsamkeit oder Verwahrlosung erlebst. Und du erreichst nie alle. Wer deine Hilfe nicht will, dem kannst du nur signalisieren: Die Tür steht offen. Ich bin froh um die Gabe, am Abend ablegen und schlafen zu können. Sonst verbläst es dich.
Überzeugende Vorbilder in der Pfarrei
Bibelgeschichten mochte ich schon als Kind. Im Gymnasium konnte ich mir viele Studienrichtungen vorstellen: Medizin, Biologie, Geografie – und Theologie. Meine Schwester und ich stritten oft, wer mit Vater auf dem Töff am Sonntag zur Bergkapelle ob Siebnen fahren durfte. Die war ein Stück Heimat für mich, der Pfarrer dort ein Original – sehr explosiv, aber echt. Er gab uns Ministranten Verantwortung, liess uns anstelle des Sigrists die Kerzen, Bücher und Hostien parat machen. Mit Leuten konnte er es gut, war sofort da, wenn ihn jemand brauchte. Auch der Pastoralassistent war mir Vorbild: Sein Religionsunterricht machte Spass, in den Jungwachtlagern begeisterte er mit Gespenstergeschichten. Das Päckli in der Pfarrei überzeugte einfach – das gab mir noch vor der Matura den Ausschlag fürs Theologiestudium.
Zu Beginn sah ich mich als Pastoralassistenten mit Frau und Kindern. Während ich im Studium über so manches Bekehrungserlebnis meiner Kollegen staunte, wuchs mein Priesterwunsch langsam heran, ganz ohne Initialzündung. Es war schlicht eine Option, mit der ich mich auseinandersetzte. Ich begegnete Leuten, die das Amt erfüllte. Horchte in mich rein: Kann ich das auch oder ist der Wunsch nach Familie grösser? Nach zwei Semestern im Ausland spürte ich, das ist mein Weg. Danach ging ich gerade aufs Ziel zu – mit Pastoraljahr, später als Diakon und Vikar in der Pfarrei. Ich liess mir Zeit, wollte den Beruf kennenlernen, mir sicher sein. Letztlich entschied das Herz. Viereinhalb Jahre nach der Weihe begann ich als Pfarrer in Altdorf.
«Priester bist du auch, wenn du einkaufen gehst.»
Priester bist du auch, wenn du einkaufen gehst. Oft wirst du unterwegs angesprochen, leistest «Trottoirseelsorge». Die Verfügbarkeit ist wichtig, kann aber eine Last sein. Darum gehe ich raus an meinem freien Tag. Ich wandere oder bin auf der Alp. Oder ich lese, um mein Ziel von 1 Million Buchseiten zu erreichen. Bürde ich mir zu viel Arbeit auf, sorgt mein Pfarreiteam für Balance: Für jeden bezogenen freien Tag bekomme ich ein Kleberli auf eine Sammelkarte, für eine volle gibt es ein Geschenk.
Die Rolle ablegen, nur Mensch sein
Ausgleich bietet auch meine Familie. Bei ihr kann ich meine Rolle ablegen, nur Mensch sein. Natürlich bitten meine Geschwister auch mal um geistigen Rat. Genauso wie ich bei Rückenschmerzen zu meiner Schwester in die Physiotherapie gehe. Doch für sie bleibe ich der alte Daniel. Halte ich die Kinder meiner Geschwister im Arm, denke ich schon mal: Wär doch schön. Dann sehe ich wieder, wie viele Impulse ich geben und schöne Begegnungen ich erleben darf – und der Weg zurück zur Gelassenheit fällt leicht.»
«Oft denke ich: Was für eine tolle Aufgabe! Ich kann mich einbringen und kreativ sein.»
Marija Neururer, Religionspädagogin
Marija Neururer arbeitet als Religionspädagogin für den Pastoralraum Bischofsberg in Bischofszell.
«Bei uns zu Hause spielte der Glaube schon immer eine wichtige Rolle. Meine Eltern stammen aus Kroatien. Zuerst habe ich lange in der kroatischen Mission ministriert, später engagierte ich mich in meiner Wohngemeinde als Oberministrantin. Die Arbeit mit den Kindern hat mich erfüllt und mein Interesse an religiösen Themen geweckt.
Ich habe eine Lehre als Detailhandelsfachfrau im Bereich Nahrungs- und Genussmittel gemacht. Noch während der Lehre fragte mich der Pastoralassistent der Pfarrei Kreuzlingen, ob ich nicht Lust hätte, hauptberuflich für die Kirche zu arbeiten. Er wies mich auf das RPI Luzern hin, das ich bis dahin gar nicht gekannt hatte.
Im dritten Lehrjahr durfte ich punktuell jüngere Lernende betreuen. Jemandem etwas zu erklären, hat mir immer gefallen. Ich konnte nie verstehen, wenn jemand mit jungen Leuten keine Geduld hat. Also habe ich mich für die Aufnahme am RPI beworben. Während den ersten zwei Jahren am RPI konnte ich 50 Prozent im Detailhandel weiterarbeiten. Studium und Arbeit unter einen Hut zu bekommen, war für mich sehr anspruchsvoll. Obwohl ich mein Ziel immer klar vor Augen hatte, wusste ich manchmal nicht, ob ich das schaffe. Im dritten und vierten Jahr habe ich meine Praxiszeit in der Pfarrei St. Paul in Luzern absolviert. Diese lehrreiche Zeit hat mich in meiner Berufswahl bestärkt und ich war gewappnet für meine zukünftige Stelle.
«Viele denken, dass Religionspädagoginnen vor allem im Unterricht präsent ist. Sie sind dann ganz erstaunt, wenn ich erzähle, was ich sonst noch so mache.»
In unserer Pfarrei sind wir drei hauptamtliche Personen: der Pfarrer, die Pastoralassistentin und ich. Als Religionspädagogin verläuft jede Woche anders. Abgesehen von den fixen Unterrichtszeiten und Sitzungen bin ich sehr flexibel. Nach dem Religionsunterricht bereite ich Lektionen und ausserschulische Projekte für Kinder und Jugendliche vor. Ich organisiere die Firmvorbereitung und Familiengottesdienste oder helfe bei Pfarrei-Anlässen mit. Am Wochenende bin ich oft mit Jugendlichen unterwegs. Ich leite die Jugend- und Ministrantengruppe und das Katecheten-Team des Pastoralraums. Aktuell begleite ich eine Studierende des RPI während ihrer Praxiszeit in unserem Pastoralraum.
Unterricht ist nur ein kleiner Teil
Dieses Jahr unterrichte ich in fünf Klassen. Viele denken, dass man als Religionspädagogin vor allem im Unterricht präsent ist. Sie sind dann ganz erstaunt, wenn ich erzähle, was ich sonst noch so mache, beispielsweise in der Jugendarbeit. An meinem Beruf schätze ich die vielen Freiheiten. Ich muss nicht wie bei einem Bürojob fixe Zeiten absitzen. Ich kann meine Kreativität ausleben und neue Projekte und Ideen umsetzen.
Es gibt ja viele Menschen, die regelmässige Arbeitszeiten brauchen. Ich hingegen nicht. Mir macht es nichts aus, wenn ich an einem Sonntagabend eine Veranstaltung habe. Wenn ich ein Wochenende durchgearbeitet habe, schätze ich es umso mehr, wenn ich dafür an einem anderen Tag frei nehmen kann. Da ich bei so vielen Gremien und Gruppen dabei bin, ist der administrative Aufwand nicht zu unterschätzen. Ich arbeite mit vielen verschiedenen Freiwilligen zusammen und schreibe entsprechend viele Mails, damit alle auf dem neusten Stand sind.
Während des Studiums muss man offen sein und die Bereitschaft mitbringen, Dinge zu hinterfragen. Die theologischen Fächer haben mir dabei geholfen, den katholischen Glauben besser kennenzulernen. Und ich war doch einige Male erstaunt, wie vielfältig dieser ist. Während der Praxiszeit konnte ich das Gelernte direkt in der Praxis ausprobieren.
Team- und Kritikfähigkeit sind wichtig
Auch bei der Arbeit in der Pfarrei braucht es im täglichen Umgang mit Menschen Offenheit. Daneben sollte man als Religionspädagogin Freude an religiösen Themen und an der Glaubensvermittlung haben sowie teamfähig sein, da man mit vielen verschiedenen Menschen zusammenarbeitet. Und man sollte die Fähigkeit mitbringen, mit Kritik gut umzugehen: Man exponiert sich in diesem Beruf doch sehr, und das Feedback kommt jeweils unvermittelt. Da ist es hilfreich, reflektieren zu können, ob man auf dem richtigen Kurs ist. Aber es ist genauso wichtig, zu dem zu stehen, was man macht.
«Ich war lange Oberministrantin. Dieses Hobby habe ich nun zu meinem Beruf gemacht.»
Mir ist der Glaube sehr wichtig. Oft höre ich, dass die katholische Kirche langweilig und altmodisch sei. Ich möchte vor allem den Jugendlichen aufzeigen, dass das nicht so ist. Für Kritik bin ich offen, mir ist es aber auch wichtig, dass sich die Jugendlichen aktiv in der Kirche vor Ort einbringen, denn nur so kann ein Wandel gelingen.
Ich finde es spannend, mit Kindern und Jugendlichen über Glaubensfragen zu diskutieren und sie aus der Reserve zu locken. Kommt man mit ihnen ins Gespräch, stellt man fest, dass Jugendliche sehr wohl eine Meinung zu Glauben und Religion haben – oft einfach nicht die klassischen Bilder dazu. Ich bin gern mit Jugendlichen unterwegs, habe gute Gespräche mit ihnen. Oft denke ich: Was für eine tolle Aufgabe! Und dafür werde ich auch noch bezahlt.
Viel mehr Freiraum als im alten Beruf
Ich trete gerne mit anderen Menschen in Kontakt und geniesse die Freiheit, an einem Projekt zu arbeiten, wie und wann ich will. In meinem alten Beruf als Detailhandelsfachfrau hätte ich nicht so viel mitentscheiden können, die Strukturen waren gegeben. Jetzt kann ich mich einbringen, kreativ sein, Konzepte entwickeln, das mag ich.
Dennoch würde ich zuerst wieder eine Lehre im Detailhandel machen. Auch da habe ich viel für mich gelernt, zum Beispiel, was es heisst, anzupacken. Noch heute profitiere ich von Dingen, die ich in der Berufsschule gelernt habe. Und die helfen mir auch in meinem neuen Beruf.»
«Im Glauben finden viele Kulturen unter einem Dach zusammen. Das gibt mir Heimat.»
Sonja Lofaro, Religionspädagogin RPI
Sonja Lofaro arbeitete bis 2023 als Religionspädagogin bei Missio im Bereich Kinder und Jugend in Freiburg.
«Ich bin eine klassische Quereinsteigerin, denn ich fand erst mit 25 Jahren den Berufseinstieg in die Kirche. Nach einer KV-Lehre bei der Post blieb ich ein Jahr auf dem Büro, und nach einem längeren Sozialeinsatz in Südamerika war ich in der Administration eines Beratungsbüros tätig. Aber an eine Veränderung hatte ich eigentlich schon nach der Lehre gedacht: Ich bin ein Mensch, der nicht gerne stehen bleibt im Leben. Und einen Fuss hatte ich schon immer in der Kirche, denn ich war lange Ministrantin und bis 25 auch Ministrantenleiterin. Zudem sind meine Eltern gläubig, und ich ging als Kind jeden Sonntag in die Messe. Die Kirche war für mich also keine Unbekannte, und mit der Zeit ist die Sehnsucht nach Gott gewachsen.
In der Auseinandersetzung mit mir selbst wurde mir bald klar: Ich brauche eine Arbeit, wo ich mich mehr als Mensch eingeben kann, als das im Büro der Fall ist. Lange tendierte ich mit meinen Plänen Richtung Sozialarbeit oder Psychologie. Die Infos darüber waren immer okay, aber eben nicht mehr. Eher per Zufall stiess ich beim Surfen im Internet mit meiner Schwester dann auf das Religionspädagogische Institut (RPI) der Universität Luzern. Gleich am Tag danach fand eine Infoveranstaltung statt. Ich ging hin und fühlte mich sofort daheim: Jetzt bist du dort, wo du eigentlich sein solltest, war mein Gefühl. Dabei wollte ich eigentlich lange weder in den Lehrerberuf wechseln noch etwas in der Kirche arbeiten.
Als Mensch und im Glauben wachsen und reifer werden
Da war es nur logisch, dass ich trotz allem lange mit mir selber kämpfte: Ist es das Richtige, in der Kirche zu arbeiten, und als Pädagogin, werde ich da glücklich sein? Aber schliesslich meldete ich mich an, und das habe ich nie bereut. Die Ausbildung zur Religionspädagogin ist sehr vielseitig; es ist eine unglaubliche Fülle an Wissen, die ich da aufnehmen durfte. Dadurch konnte ich als Mensch und im Glauben wachsen und reifer werden. Das Studium erfordert eine ganze Reihe von Auseinandersetzungen mit den unterschiedlichsten Themen, und mit sich selbst. So lernte ich, vor Menschen hinzustehen, zu reden und Dinge oder mich selbst zu erklären. Das war eine wichtige Entwicklung für mich. Wir diskutierten viel in der Ausbildung, und ich fragte mich auch immer wieder: Glaube ich noch? Trotz den Zweifeln und dem Ringen, das beides zum Glauben gehört, konnte ich diese Frage für mich immer wieder mit einem Ja beantworten. Aber die Ausbildung bringt dich ganz schön durcheinander.
Eine Dozentin brauchte einmal das Bild eines Puzzles: Am Anfang schaffst du eines mit nur wenigen Teilen, wie ein kleines Kind. Dann steigerst du dich, du schaffst immer grössere Puzzles mit mehr und kleineren, präziseren Teilen. Am Schluss landest du bei der dritten Dimension. Es kommt ständig neues Wissen hinzu, deine Augen öffnen sich und du erkennst immer mehr die Zusammenhänge. Der Glaube erfuhr so eine tiefere Dimension und wurde immer mehr zum prägenden Teil meiner Identität. Doch die Ausbildung am RPI ist nicht alles. Die persönliche Auseinandersetzung und die Arbeit an dich selbst sollte immer wieder ein Teil deines Lebens sein. Stille, Gebet, Bibelmeditationen, Exerzitien und der Austausch über den Glauben mit anderen Menschen gehören seit langer Zeit zu meinem Leben. Nur durch diese persönliche Vertiefung kann ich meinen Beruf ausüben.
Als Religionspädagogin mit Menschen jeden Alters arbeiten
Wer die Berufsbezeichnung Religionspädagogin hört, nimmt meistens an, dass man nur mit Kindern und allenfalls Jugendlichen arbeitet. Doch dem ist nicht so. Viel wichtiger als ein Abschlussdiplom muss immer wieder die Frage nach der Berufung, nach den Charismen und nach den Talenten sein. In meinem Fall darf ich daher, neben dem Religionsunterricht und der Jugendarbeit mit Erwachsenen, auch einen Bibelabend führen, Liturgien mitgestalten und zwischendurch ältere oder kranke Menschen besuchen. Da auch die Musik immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens war, kann ich des Öfteren meinen Gemeindeleiter bei Taufen, Beerdigungen oder Hochzeiten begleiten und mit meinem Gesang die Feier mitgestalten. Auch das ist für mich ein wichtiger Teil meines Alltages in der Pfarrei.
«Ich liebe es, immer wieder Gott ins Spiel zu bringen und zu sehen, was einem da geschenkt wird.»
Überhaupt darf ich so vielen unterschiedlichen Menschen begegnen, wie ich das vorher nie hatte. In diesen Begegnungen werde ich Teil ihres Lebens. Das ist berührend, und es ist auch eine Ehre, zuhören zu dürfen. Ich höre und schaue, was in meinen Gesprächspartnern abgeht, das ist spannend und herausfordernd. Ich liebe es, immer wieder Gott ins Spiel zu bringen und zu sehen, was einem da geschenkt wird. Das ist jedes Mal anders.
Es ist schon eine grosse Freiheit und ein Privileg, meinen Arbeitsalltag so einzuteilen, wie ich will. Und gleichzeitig Zeit zu haben, um einen grossen Teil meiner Identität und Berufung auszuleben. Ich darf etwas leben, das mir wichtig ist, und was meine Leidenschaft ist und in mir brennt, mit anderen Menschen teilen. Wenn ein Junger ebenfalls das Gefühl hat, er brenne für die Menschen und für Gott, dann muss er es probieren.
Manchmal kann die Struktur der Landeskirche allerdings auch einengen. Und wenn die Struktur wichtiger ist als der Mensch, habe ich Mühe. Ebenso wenn ich erlebe, dass die Kirche mehrheitlich zu einem Verwaltungsapparat wird, der sich nur noch um sich selbst dreht. Aber alles in allem kann ich in meinem Beruf die eigenen Fähigkeiten mit ziemlich viel Freiraum entwickeln. Damit muss man auch umgehen können, das macht es nicht immer einfacher.
Offen sein für Menschen, Begegnungen und Geschichten
Um Religionspädagogin zu sein, braucht es Freude am Glauben und Leidenschaft. Man muss ein Feuer in sich spüren, das einen vorantreibt. Dann muss man offen sein für Menschen, Begegnungen und Geschichten, aber auch für Sorgen und weniger schöne Sachen. Die Basis dazu ist für mich meine Beziehung zu Gott, erst das ermöglicht mir die Begegnung mit Menschen. Und mit diesen Menschen darf ich über Glaubensfragen zusammen nachdenken und ringen.
Nicht nur die Ausbildung ist vielfältig, auch der Arbeitsalltag ist es. Ich darf Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten und Kreisen kennenlernen. Das konnte ich früher nicht. Meine Arbeit vollzieht sich in der Begegnung mit den Menschen, im Einbringen meiner Charismen und meines Wissens und ist im Glauben an Gott verankert. In der Kirche finden verschiedene Kulturen, Nationalitäten und Sprachen unter einem Dach zusammen. Dies, verbunden mit der gemeinsamen Frage nach Sinn und Glauben, macht es für mich ziemlich einzigartig und gibt mir eine Heimat.
Das ist für mich Heimat: die kulturelle Vielfalt der Menschen verbunden mit der gemeinsamen Frage nach dem Glauben.»
«Kreativ sein, neue Konzepte und Ideen entwickeln. Das ist viel wert.»
Simon Spielmann, Religionspädagoge und Jugendarbeiter
Simon Spielmann ist Religionspädagoge und Jugendarbeiter im Pastoralraum Gäu.
«Mein Weg in die Kirche ist etwas aussergewöhnlich. Ich war ursprünglich Orthopädist und hatte auch neun Jahre auf diesem Beruf gearbeitet, in einer privaten Orthopädiefirma, die Spitäler und Heime als Kunden hatte. Auch damals hatte ich viel mit Menschen zu tun, vom Baby bis zu älteren Leuten. Diese Kontakte fand ich immer schon spannend. Ich machte mir aber Gedanken zu meiner zukünftigen Arbeit, wollte ich doch nicht mein ganzes Leben als Orthopädist arbeiten.
Theologische Themen hatten mich schon immer interessiert, deshalb schaute ich mir die Ausbildung am RPI in Luzern etwas genauer an. Das Fächerangebot sagte mir sehr zu, das Studium ist sehr breit. Ich ging dann an einen Infoanlass und sprach mit Studierenden und Dozierenden, und mein positives Gefühl verstärkte sich. Die Vielfalt, die Auseinandersetzung mit Theologie, Philosophie oder Didaktik, das faszinierte mich.
Nun arbeite ich das dritte Jahr im Pastoralraum Gäu, seit August 2016 zu 100%. Zuvor hatte ich während des Aufbaustudiums am RPI mein Praktikum im Pastoralraum Gäu absolviert und 40 bis 50% dort gearbeitet. Die Beschäftigung mit ganz unterschiedlichen Menschen gefällt mir sehr: mit Kindern im Religionsunterricht, von der dritten Klasse bis zur ersten Oberstufe, mit Jugendlichen in der Jugendarbeit wie der Firmvorbereitung, aber auch mit reformierten Kolleginnen und Kollegen. Kinder und Jugendliche auf einem Abschnitt ihres Lebenswegs zu begleiten und beim Finden ihres Glaubens zu unterstützen, ist eine schöne Aufgabe.
Authentisch sein und sich selber bleiben
Wer junge Leute begeistern will, muss authentisch sein und sich selber bleiben. Ich kann nur Dinge vermitteln, hinter denen ich voll stehen kann. Bist du nicht glaubwürdig, merken das Kinder und Jugendliche sofort. Man muss in diese Rolle auch reinwachsen, das ist zu Beginn nicht ganz einfach. Aber wenn man mal drin ist, ist es spannend und bereichernd. In einem Lager zum Beispiel bekommt man auch ganz anderes mit vom Leben der Jugendlichen als im Schulzimmer.
Ich schätze die grosse Freiheit, die mein Beruf mit sich bringt. Kreativ sein, neue Konzepte und Ideen entwickeln. Das ist viel wert. Klar, wir haben unsere Vorgaben und ein Pflichtenheft, auch der Lernstoff im Religionsunterricht ist vorgegeben. Aber wie ich das vermittle, ist mir überlassen.
«Ich will aufzeigen, dass die Kirche nicht verstaubt und hinter dem Mond ist.»
Da ich im katholischen Glauben aufgewachsen bin, bin ich in der Kirche beheimatet und fühle mich hier sehr wohl. Es reizt mich, Jugendlichen etwas davon weiterzugeben – und das in einer Zeit, in der viele mit der Institution Kirche gar nichts zu tun haben wollen, weil sie diese als veraltet anschauen. Ich will aufzeigen, dass die Kirche nicht verstaubt und hinter dem Mond ist.
Organisatorisch stellt mein Beruf hohe Anforderungen. Wenn man Religionsunterricht gibt, Erstkommunikanten vorbereitet, Präses einer Jungschar ist und daneben noch weitere Jugendarbeit leistet, muss man auch auf die eigenen Freiräume achten. Ich könnte locker 200% arbeiten, aber damit würde ich mir keinen Gefallen machen. Ich muss mir immer wieder der unterschiedlichen Rollen bewusst sein: Stehe ich im Schulzimmer, habe ich nicht die gleiche Rolle wie als Präses im Jubla-Lager. In der Schule bin ich der Lehrer Spielmann, im Lager der Simon. Aber genau diese Abwechslung macht es aus.»
«Reden wir übers Beten, beginne ich mit Facebook und WhatsApp.»
Marco Martina, Religionspädagoge
Marco Martina arbeitet als Religonspädagoge im Bereich der Jugendpastoral. Er leitet seit 2019 die Animationsstelle für kirchliche Jugendarbeit im Dekanat Zürich-Stadt.
«Zum Beruf fand ich im Grunde dank meiner Gitarre. Bis 18 war die Kirche kein Thema für mich. Meine Familie stammt aus Süditalien. Vater war mit seinen Obst- und Lebensmittelständen immer unterwegs, Mutter zog uns vier Kinder praktisch allein auf – da blieb höchstens mal Platz für eine Weihnachtsmesse. Eines Tages nahm mich ein Kollege in eine Jugendgruppe der Missione cattolica in Neuhausen mit. Der Missionar dort hatte es drauf mit den Jugendlichen. Als er von meiner Gitarre hörte, liess er mich im Gottesdienst spielen. So bin ich ins kirchliche Umfeld reingewachsen.
«Was du erzählst, musst du auch vorleben. Sonst nehmen dich die Jungen nicht für voll.»
Die Gemeinschaft war ebenso wichtig wie die jeden Freitag stattfindende Katechese für junge Erwachsene. Meist ging der Grossteil von uns Jüngeren nachher Pizza essen. Nebst meiner Leidenschaft für Fussball, der ich aktiv als Spieler in einem Verein nachging, verbrachte ich fast meine ganze Freizeit in der «Missione», leitete Jugendgruppen und organisierte Aktivitäten. Auch meine Frau lernte ich dort kennen. Das hat mich geprägt: zu sehen, wie du als Jugendlicher in der Gemeinschaft zum Glauben finden kannst.
Nach der Schule machte ich erst mal die Ausbildung zum Industriekaufmann. Obwohl ich nie richtig glücklich wahr während meiner Ausbildung, schrieb ich mich an der Fachhochschule fürs BWL-Studium ein, wollte Manager werden. Doch der Gedanke, meine Leidenschaft für die Jugendarbeit und Gott zu meinem Beruf zu machen, packte mich immer mehr. Da erzählte mir eine Kollegin vom Religionspädagogischen Institut, wo ich gleich im Jahr 2010 anfing und im Jahr 2014 abschloss.
Zu Beginn des Studiums stand ich an. Ich hatte den Glauben erst gerade entdeckt und schon sollte ich ihn wissenschaftlich hinterfragen. Doch ich wuchs an den Diskussionen, fand meine eigene Sicht. Parallel arbeitete ich bei IKEA, später als kirchlicher Mitarbeiter in der Pfarrei, um mein Studium zu finanzieren. In dieser Zeit gab ich aus zeitlichen Gründen auch das Fussballspielen auf – kein einfacher Schritt für mich. Zunächst interessierte mich im Studium nur die Jugendarbeit, für die Idee, Religionsunterricht zu erteilen, konnte ich mich am Anfang nicht erwärmen. Heute bin ich aber begeisterter Jugendarbeiter und Religionslehrer.
Beruf und Familie unter einen Hut bringen
In kirchlichen Berufen musst du oft am Abend arbeiten. Mit drei kleinen Kindern, die den Papa am Abend zum Spielen, Geschichtenlesen und gemeinsamen Singen brauchen, ist das nicht immer einfach. Es braucht eine gesunde Familienstruktur und vor allem eine starke und unterstützende Frau im Hintergrund.
Ich liebe meine Arbeit, mache sie aus Überzeugung und heute noch wie einst als Ehrenamtlicher. Zeit mit Jungen zu verbringen, ist für mich in meiner Arbeit das Wichtigste. Gott sei Dank stoppt mich meine Frau, wenn ich vor lauter Elan zu viel arbeite.»
«Für Kleinere erfinde ich ein Leiterlispiel zum heiligen Franziskus: So wird Religion lebendig.»
Patrizia Vonwil-Immersi, Religionspädagogin
Patrizia Vonwil-Immersi ist Religionspädagogin und arbeitet seit 2024 als Stellenleiterin bei der damp (Deutschschweizerische Arbeitsgruppe für Ministrant*innenpastoral). Früher war sie Stans im Religionsunterricht tätig. Sie gestaltet Familiengottesdienste, ist Präses in der Pfadi und begleitet Jugendliche auf dem Firmweg. 2024 übernimmt Patrizia Vonwil-Immersi zudem die Leitung der neuen gemeinsamen Fachstelle von OKJ (Offene kirchliche Jugendarbeit) und damp (Deutschschweizer Arbeitsgruppe für Ministrant*innenpastoral).
«Muss man alt sein, um Ordensfrau zu werden? Hatten Sie schon einen Freund?», fragen die Schüler, wenn wir im Kloster sind. Die Ordensfrauen geben gerne Auskunft. Im Unterricht ist der Bezug zum täglichen Leben wichtig. Wir besuchen das «Spuntan», eine Notaufnahme für Jugendliche, oder sehen uns themenbezogene Filme an. In der Orientierungsstufe wählen die Jugendlichen die Themen selbst – ob Judentum, Okkultismus oder Todesstrafe. Oft muss ich mich komplett in ein neues Gebiet eingraben. Auch schon stand ein Muslim den Schülerinnen und Schülern Rede und Antwort zum Islam: «Warum dürfen die Kinder nicht in die Badi? Gibt’s auch für Männer Kleidervorschriften?» Für Kleinere erfinde ich ein Leiterlispiel zum heiligen Franziskus. So wird Religion lebendig.
Du hast nie 20 Engel in der Klasse. Da braucht’s Ausdauer und klare Regeln. Bei schwierigen Schülerinnen und Schülern musst du voll da sein, mitbekommen, was läuft. Das gelingt nicht immer. Zum Glück habe ich einen guten Draht zu den übrigen Lehrpersonen. Bei denen hole ich mir Infos. Ich mag die tägliche Herausforderung mit den Jugendlichen, die thematische Vielfalt von den Kleinen bis zu den Grossen. Habe ich mal wieder eine besonders schwierige Klasse, bin ich froh, nur eine Doppellektion pro Woche zu unterrichten!
Jugendlichen zeigen: Kirche besteht aus Menschen
Engagement in der jugendlichen Verbandsarbeit gehört zum Job: Als Präses in der Pfadi höre ich in die Höcks rein, coache Leiterinnen und Leiter bei Problemen, bin Ansprechpartnerin für die Eltern und im Lager begleitend dabei. Auf dem Firmweg bin ich mit Jugendlichen ab 18 von September bis Sommer unterwegs, um sie auf die Firmung vorzubereiten – mit Gruppen- und Firmkursabenden sowie Sozialpraktika, etwa auf einer Alp oder mit Behinderten. Vom Infoabend bis zum Thema gleisen wir im Zweierteam alles auf.
Etwa zum Motto «mission possible»: Vieles wird möglich, wenn sich Menschen etwas zutrauen und sich für etwas einsetzen. Als Verkörperung dieser Grundhaltung spannen wir vor der Kirche eine Hängebrücke. Daran hängen Fähnchen, auf denen die Firmanden Farbe bekennen: Was ist mir wichtig im Leben? Wofür setze ich mich ein? Was trägt mich? So erfahren die Jugendlichen, dass Gott vor allem dort wirkt, wo Menschen das Leben gemeinsam anpacken und Veränderung möglich machen.
«Du bist nie allein, arbeitest immer im Team.»
Als Religionspädagogin sind Teilzeitjobs gang und gäbe, du kannst dir die Arbeit frei einteilen. Beides ist perfekt, um Beruf und Familie zu verbinden. Du bist nie allein, arbeitest immer im Team. Das geht nur, wenn du dich gerne mit Menschen abgibst. Einzelgänger wären verloren. An der Basis ist es egal, ob du eine Frau oder ein Mann bist. Da zählt nur dein Engagement.
Das Hobby zum Beruf gemacht
Mit sechzehn hätte ich mir nie träumen lassen, Religionspädagogin zu werden. Damals hatte ich anderes im Kopf, wie die meisten Jugendlichen. Ich absolvierte eine Drogistenlehre und die Kosmetikschule, war zwei Jahre als Sachbearbeiterin in einem grossen Drogerieunternehmen tätig und sammelte viele Erfahrungen. Der Kontakt zu Menschen war mir dabei schon immer wichtig. Den Stein ins Rollen brachte mein damaliger Präses in der Pfadi: Dank ihm begann ich ehrenamtlich im Pfarreirat mitzuwirken, wurde später Firmbegleiterin. Ich investierte viel Freizeit in diese Arbeit, empfand sie als wertvoll und lehrreich. Da fragte ich mich plötzlich: Warum machst du’s nicht zum Beruf?
Ich ging an eine Infotagung, war überzeugt und meldete mich am Religionspädagogischen Institut in Luzern (RPI) an. In der berufsbegleitenden Ausbildung lernte ich unglaublich viel. Zum Glück konnte ich bei Fragen aufs Pfarrteam zurückgreifen. Ich war vor, während und nach meiner Ausbildung immer hier in Stans aktiv. Das ist eher aussergewöhnlich.»
«Menschen einladen und immer wieder Neues wagen. Das kann ich hier.»
Daniel Noti, Priester
Daniel Noti arbeitet als Priester in den Pfarreien Region Leuk.
«Ich traf immer wieder auf Menschen, die mir den Glauben vorlebten und ein lebendiges Bild der Kirche ermöglichten. Das will ich als Priester jetzt auch tun. Ich lade die Menschen ein, gehe auf sie zu und habe ein offenes Ohr. Dabei habe ich so viele Möglichkeiten. Ich kann Neues wagen und Vielfalt zulassen – zum Beispiel beim Besuchen von jungen Familien oder bei Jugendgottesdiensten.
Ich habe in Fribourg und in Rom Theologie und Philosophie studiert und wurde 2013 zum Priester geweiht. In meiner Pfarrei arbeite ich mit einem Priester und einem Diakon zusammen. Mein Aufgabengebiet umfasst neben den Gottesdiensten, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen unter anderem auch die Jugendarbeit und den Religionsunterricht.
«Für die Menschen da sein ist das Wichtigste in meiner Berufung.»
Mir ist wichtig, dass die Kirche auf die Menschen zugeht, ihre Anliegen wahrnimmt und sie auf ihrem Lebensweg begleitet und unterstützt. Durch diese persönlichen Begegnungen erhalte ich zahlreiche, ermutigende Reaktionen. Menschen, die der Kirche oft fernstehen, sind auf einmal bereit, mitzuhelfen und so einen wichtigen Beitrag zu leisten für eine lebendige Pfarrei.
Bezüglich meiner Zukunft bin ich völlig offen. Ich lasse es auf mich zukommen, wohin mich mein Weg als Priester noch führen wird: Für die Menschen da sein ist das Wichtigste in meiner Berufung. Dies möchte ich auch weiterhin tun.»
«Taufe, Hochzeit, Tod: Was ein Mensch in einem Leben sieht, gibt’s bei mir an einem Tag!»
Daniel Fischler, Priester
Daniel Fischler leitet den Pastoralraum Allschwil-Schönenbuch BL.
«Was mir am meisten Freude macht? Mit Leuten etwas entwickeln und umsetzen. In der Pandemiezeit müssen wir sehr kreativ sein. Einen dritten Sonntagsgottesdienst führten wir ein. Mit dem Team zusammen entwickelten und organisierten wir eine ‹To go› Aktion. Es wurden verschiedene Tüten für Familien mit Kindern abgepackt, darin enthalten waren Gebete, Erklärung der Rituale, etwas Süsses und biblischen Geschichten und Bilder zum Ausmalen. Auch die Aktion ‹Oster to go› fand regen Anklang. Diese Tasche mit Gebeten, mit gesegnetem Palmstrauss und einer gesegneten Osterkerze wurde für jene Menschen bestellt und ausgeliefert, die nicht mehr gut zu Fuss sind oder wegen der Pandemie den Kirchenbesuch mieden.
Meine Arbeit bietet viele Facetten und Freiheiten. Das ist ein Geschenk! Da habe ich zum Beispiel mit einem Sterbenden zu tun und eine Stunde später halte ich ein Taufgespräch und freue mich über das Neugeborene.
Glaube, gesunder Menschenverstand und Bodenhaftung
Ein Priester braucht zuerst einmal Glauben und einen Bezug zu Christus. Das ist das Fundament, genügt allein jedoch nicht. Du musst auch geerdet und belastbar sein, gesunder Menschenverstand und Entschlossenheit sind gefragt. Nur wenn ich eine Linie habe, bin ich glaubwürdig. Zudem muss ich offen sein für Menschen und andere Meinungen. Zur Abgrenzung und zum Ausgleich halte ich meinen Körper mit Laufen fit oder gehe mit den Hunden spazieren, die ich zweimal in der Woche hüte.
Schwierig fürs Privatleben sind die Arbeitszeiten abends und an Wochenenden. An Familienfeste wie Weihnachten und Ostern komme ich wegen der Gottesdienste immer erst zum Dessert! Wenn die Arbeit kaum mehr Luft zum Atmen lässt, träume ich schon mal davon, in der Migros Gestelle aufzufüllen. Doch nie für lange, dann fühle ich wieder: Ich bin am richtigen Ort.
«Während der Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten wurde mir klar – ich will für die Kirche arbeiten.»
Warum ich Priester wurde? Als Ministrant und bei der Jungwacht klang zum ersten Mal etwas in mir an: Es tat mir gut, in der Pfarrei mitzumachen. Meine Eltern waren keine streng praktizierenden Katholiken. Doch mich hielt nichts mehr im Bett, wenn am Sonntag die Kirchenglocken läuteten – selbst wenn ich wie die anderen Jugendlichen gerne einen über den Durst trank und erst um vier Uhr morgens heimkam.
Täglich Ja sagen zu meiner Arbeit und zu Gott
Als meine Tante an Krebs starb, fragte ich nach dem Sinn. Und da gibt’s einfach nichts Besseres als die Botschaft von Jesus. Während der Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten wurde mir klar – ich will für die Kirche arbeiten. Nach dem Praktikum bei einem Pfarrer dachte ich: Wow, wie lässig ist die Arbeit mit den Menschen, die Begegnungen, das Leben im Pfarrhaus! Ich machte die Ausbildung zum Katecheten und arbeitete zwei Jahre. Mit der Zeit reifte der Gedanke, Pfarrer zu werden. Und so wagte ich es, obwohl ich keineswegs sicher war. Nach Tätigkeiten als Pastoralassistent, Diakon und Vikar wurde ich 2002 zum Priester geweiht. Als sich eine Pfarrvakanz ergab, stieg ich voll in die Pfarreiarbeit ein. Die Erfahrung tat gut und bestärkte mich.
Pfarrer werden ist ein Lebensentscheid, du gibst ein Versprechen ab. Hochzeitspaaren gebe ich immer auf den Weg: Ihr müsst euch jeden Tag von Neuem in die Augen sehen und Ja zueinander sagen können. So sage auch ich täglich Ja zu meiner Arbeit und zu Gott.»







