Wenn aus Begleitung neue Hoffnung wächst
Seelsorgerin Ramona Casanova-Baumgartner begleitet Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen. In der Dompfarrei St. Gallen gestaltet sie Gottesdienste, unterrichtet Religion, begleitet Ministrierende und Familien und führt Trauerfeiern. Besonders berührt sie, wenn Menschen neuen Mut fassen, im Glauben wachsen oder wieder Hoffnung schöpfen für ihren Alltag.
Zu meinen Aufgaben gehören Seelsorgegespräche und die Begleitung von Ministrant:innen, die Feier von Erstkommunionen, die Durchführung des Religionsunterrichts, die Familienpastoral sowie Trauerfeiern und Predigten – hauptsächlich in der Kathedrale St. Gallen.
«Kein Tag ist gleich, aber alle haben gemeinsam, dass es um Menschen geht.»
Ramona Casanova-Baumgartner
Mehr als ein Hobby …
Dass ich irgendwann hier landen würde, war nicht immer klar. Als Jugendliche an der Kantonsschule hatte ich im Gegensatz zu vielen meiner Mitschüler:innen kein bestimmtes Steckenpferd oder Lieblingsfach. Allerdings interessierten mich Fragen rund um Gott, die Kirche und Religion. Neben meiner damaligen Aktivität im Leistungssport war ich schon immer gerne mit Menschen unterwegs.
Ich habe mich in der Pfarrei engagiert – mal bei Aktionen, mal im Gottesdienst, mal einfach beim Zuhören. Irgendwann habe ich gemerkt: Das ist mehr als nur ein Hobby, das gibt mir Sinn und Tiefe. Die Gespräche mit anderen, das Ausprobieren in verschiedenen Bereichen, viel Nachdenken und Beten haben mir allmählich gezeigt, dass das mein Weg sein könnte.
… und mehr als nur ein Job
So bin ich einen Schritt nach dem anderen gegangen: Zuerst habe ich begonnen, in Chur Theologie zu studieren. Dort habe ich meine Leidenschaft für dieses Thema entdeckt. Dann bin ich in meinen Beruf als Seelsorgerin – und so schliesslich in meine Berufung hineingewachsen. Im Gegensatz zu vielen Kommiliton:innen war das Theologiestudium meine erste Ausbildung. Sobald ich diesen Pfad eingeschlagen hatte, ging ich ihn ohne grössere Umwege oder ein Zwischenjahr. Er war für mich immer vollkommen stimmig. Heute ist die Seelsorge für mich weit mehr als nur ein Job.
Die Katholische Kirche ist unglaublich vielfältig und doch auf der ganzen Welt dieselbe. Ich schätze ihre Geborgenheit, diese Heimat, die sie bietet. Gleichzeitig kann ich offen sein, Veränderungen antreiben und immer wieder diverse Weiterbildungen in spezifischen Gebieten absolvieren. Mit den Menschen, mit denen ich arbeite, darf ich immer wieder Neues ausprobieren. Auch das ökumenische Miteinander liegt mir sehr am Herzen.
Mehr Anliegen als der Tag Stunden zählt
Einen typischen Arbeitstag gibt es bei mir eigentlich nicht. Genau das mag ich. Manchmal starte ich mit einer Besprechung im Team oder mit einem Besuch bei jemandem. Zwischendurch bereite ich Gottesdienste, Gruppenstunden oder Projekte vor, telefoniere, organisiere und beantworte Mails. Es gibt viel zu erledigen. Oft kommen spontane Dinge dazwischen – ein Gespräch, eine Idee, eine Situation, in der es meine Präsenz braucht. Es ist eine Kunst, allen gerecht zu werden. Es gibt immer mehr Anliegen, als ein Tag Stunden zählt. Abends kann es sein, dass ich noch an Veranstaltungen oder Treffen teilnehme.
Sehen, wie jemand wieder Hoffnung schöpft
Alle Aufgaben haben gemeinsam, dass es um Menschen geht. Ich darf als Seelsorgerin Dinge auffangen und aussprechen, die in emotionalen Momenten enorm schwierig in Worte zu fassen sind. Ein Erlebnis, das mich besonders geprägt hat, war die Beerdigung eines fünfjährigen Jungen, der an Leukämie gestorben ist. Heute bin ich selbst Mutter von zwei Kindern und frage mich, wie man so etwas überhaupt aushalten kann. In dem Moment haben die Eltern Erinnerungen mit mir geteilt. Wir haben miteinander geweint. Ich habe ihre Trauer mitgetragen. So schwer dieser Tag auch war, habe ich doch miterlebt, wie stark Nähe, Liebe und Zusammenhalt sein können.
Schwierige Gespräche und Situationen machen diesen Beruf spannend. Sie fordern mich heraus, kreativ zu werden. Dann zu sehen, wie jemand im Glauben wächst, neuen Mut fasst oder einfach wieder Hoffnung schöpft, ist sehr berührend. Ich liebe es, gemeinsam Ideen zu spinnen, Projekte auf die Beine zu stellen, zusammen zu lachen und zu merken, dass sich etwas bewegt. Und manchmal sind es die ganz kleinen Momente: ein Lächeln, ein ehrliches «Danke». Sie erinnern mich daran, warum ich diesen Weg gehe.