Theologie nah am Leben
Annabel Graf arbeitet als Seelsorgerin in der Pfarrei St. Maria Neudorf in St. Gallen. Sie gestaltet Liturgien, führt Seelsorgegespräche und sucht den Austausch mit Familien, Jugendlichen und älteren Menschen. Dabei verbindet sie theologische Fragen mit dem konkreten Leben und schlägt Brücken zu Sinn- und Glaubensfragen.
Ich wusste gleich nach der Matura, dass ich Theologie studieren wollte. Dabei hatte ich vorher die üblichen Vorurteile dagegen gehabt und eher an Wirtschaft und Recht oder Sozialarbeit gedacht. Doch es gab nichts, das mich wirklich packte. Bis ich per Zufall vom Informationstag zum Theologiestudium an der Uni Luzern erfuhr. Ich ging mit gemischten Gefühlen hin, aber dann zog es mir gleich den Ärmel rein. Die Präsentation, die persönlichen Kontakte, die Atmosphäre – das alles gefiel mir. Und ich sah, wie breit das Studium angelegt ist: Das geht von Ethik über Dogmatik bis zur biblischen Geschichte. Ein Studium, das sämtliche Aspekte des menschlichen Daseins abdeckt, das faszinierte mich.
«Ich kann Menschen in fast jeder Lebenslage abholen. Das fasziniert mich.»
Annabel Graf
Hinzu kam mein persönlicher Hintergrund: Meine Familie war in der Kirche verwurzelt, ich war Ministrantin und in der Jubla und hatte Kirche immer schon positiv erfahren. Ich kannte bis dahin aber vor allem die kirchliche Jugendarbeit.
Wenn du Theologie studierst, lässt du dich auf eine Entdeckungsreise ein. Du entdeckst das Christentum, andere Kulturen und Religionen sowie dich selbst und deine Rolle in der Welt. Man taucht ein in ein Meer verschiedener Fragen, welche die Menschen schon immer hatten. Man schliesst sich diesen an, als Teil von etwas Grösserem, das die Menschen schon länger beschäftigt.
Theologiestudium eröffnet gute Berufsperspektiven
Die theologischen Fakultäten sind relativ überschaubar, das gibt dir ein familiäres Gefühl beim Studium. Und schliesslich hat man gute Berufsperspektiven, sowohl in der Kirche als auch ausserhalb der Kirche – zum Beispiel als Ethikerin bei Unternehmen, im Personalwesen, in der Flughafen- oder Gefängnisseelsorge. Als Theologin oder Theologe deckst du eben viele Bereiche ab, die zum Teil auch in der Privatwirtschaft gefragt sind. Deshalb werden die Berufsperspektiven, die man hat, oft unterschätzt. Viele Arbeitgebende nehmen lieber einen breit geschulten Theologen und geben ihm einen Crashkurs in Wirtschaft als umgekehrt. Diesen Vorteil eines Theologiestudiums darf man durchaus auch mal hervorheben.
Nach dem Studium ging ich als Seelsorgerin in Ausbildung in der Pfarrei St. Maria Neudorf in die pastorale Praxis. Da hat man eine 80%-Anstellung in der Pfarrei und 20% Weiterbildung vom Bistum her. Man lernt das Gestalten von Liturgien und Seelsorgegesprächen. Die Praxis, die in der Theologieausbildung fehlt, kommt hier ins Spiel.
«Ich will in die Lebenswelten der Menschen eintauchen und kennenlernen, was die Menschen beschäftigt.»
Theologie sollte für die Menschen da sein, und diese Menschen will ich nie aus dem Blickfeld verlieren. Denn Theologie bewegt sich in einem luftleeren Raum, wenn sie nichts mit dem Leben und den Menschen zu tun hat. Ich will in die Lebenswelten der Menschen eintauchen und kennenlernen, was sie beschäftigt. Ich sehe bei meiner pastoralen Arbeit Schüler, Familien, ältere Menschen: Man begegnet dauernd Menschen in verschiedenen Lebensphasen und mit verschiedenen Hintergründen und kommt mit ihnen ins Gespräch. Das finde ich extrem spannend. Vor allem an den Brenn- und Wendepunkten des Lebens, wenn jemand auf die Welt kommt, jemand mit der Firmung ins Erwachsenenleben eintritt oder jemand stirbt.
Ich kann Menschen in fast jeder Lebenslage abholen. Das fasziniert mich. Aber ich geniesse grosse Freiheiten. Zwar bin ich ein Stück weit gebunden an gewisse Philosophien, welche die Kirche vertritt. Aber letztlich bin ich Gott und meinem Gewissen verpflichtet, und niemandem sonst. Ich muss mich auch nicht ständig erklären und rechtfertigen. Und ich kann Brücken zwischen der irdischen Dimension und den Fragen nach dem Lebenssinn schlagen. In anderen Berufen spielt diese Dimension der Spiritualität oder von Weltanschauungen keine wichtige Rolle.
Die positive Erfahrung mit der Kirche weitertragen
Die Kirche ist ein möglicher Weg, auf die wichtigen Fragen des Lebens Antworten zu finden. Auch wenn man nie abschliessende Antworten finden wird. Die Frage nach dem Lebenssinn wird einem automatisch immer auf den Tisch gelegt, wenn man eine Vertreterin der Kirche ist. Das ist spannend, aber auch herausfordernd. Ich werde auch oft mit der Erwartung konfrontiert, die Weisheit mit den Löffeln gefressen zu haben. Dabei weiss ich nicht viel mehr als andere. Aber ich kann vielleicht meine positiven Erfahrungen mit der Kirche weitertragen. So können andere Menschen von dem profitieren, was mir geschenkt wurde.
Schwierig finde ich es manchmal, allen Menschen gerecht zu werden; zu wissen, was sie überhaupt wollen, und dann auch entsprechend zu reagieren. Je nachdem, wie ich drauf bin, empfinde ich unterschiedlich. Auch den eigenen Stil zu finden, zum Beispiel liturgisch, ist schwierig. Man kann sehr dynamisch oder sehr statisch Punkt für Punkt vorgehen, oder auch spielerische Elemente einbauen. Das muss man selber entdecken, das war am Anfang echt eine Herausforderung.