Mehr als Unterricht: Kirche aktiv mitgestalten
Marija Neururer arbeitet als Religionspädagogin im Pastoralraum Bischofsberg in Bischofszell. Sie unterrichtet, leitet Jugend- und Ministrantengruppen, organisiert Firmwege und begleitet angehende Fachpersonen. Besonders schätzt sie die Freiheit, eigene Projekte zu entwickeln und Jugendlichen zu zeigen, dass Kirche lebendig, vielfältig und veränderbar ist.
Bei uns zu Hause spielte der Glaube schon immer eine wichtige Rolle. Meine Eltern stammen aus Kroatien. Zuerst habe ich lange in der kroatischen Mission ministriert, später engagierte ich mich in meiner Wohngemeinde als Oberministrantin. Die Arbeit mit den Kindern hat mich erfüllt und mein Interesse an religiösen Themen geweckt.
«Oft denke ich: Was für eine tolle Aufgabe! Ich kann mich einbringen und kreativ sein.»
Marija Neururer
Ich habe eine Lehre als Detailhandelsfachfrau im Bereich Nahrungs- und Genussmittel gemacht. Noch während der Lehre fragte mich der Pastoralassistent der Pfarrei Kreuzlingen, ob ich nicht Lust hätte, hauptberuflich für die Kirche zu arbeiten. Er wies mich auf das RPI Luzern hin, das ich bis dahin gar nicht gekannt hatte.
Im dritten Lehrjahr durfte ich punktuell jüngere Lernende betreuen. Jemandem etwas zu erklären, hat mir immer gefallen. Ich konnte nie verstehen, wenn jemand mit jungen Leuten keine Geduld hat. Also habe ich mich für die Aufnahme am RPI beworben. Während den ersten zwei Jahren am RPI konnte ich 50 Prozent im Detailhandel weiterarbeiten. Studium und Arbeit unter einen Hut zu bekommen, war für mich sehr anspruchsvoll. Obwohl ich mein Ziel immer klar vor Augen hatte, wusste ich manchmal nicht, ob ich das schaffe. Im dritten und vierten Jahr habe ich meine Praxiszeit in der Pfarrei St. Paul in Luzern absolviert. Diese lehrreiche Zeit hat mich in meiner Berufswahl bestärkt und ich war gewappnet für meine zukünftige Stelle.
«Viele denken, dass Religionspädagoginnen vor allem im Unterricht präsent ist. Sie sind dann ganz erstaunt, wenn ich erzähle, was ich sonst noch so mache.»
In unserer Pfarrei sind wir drei hauptamtliche Personen: der Pfarrer, die Pastoralassistentin und ich. Als Religionspädagogin verläuft jede Woche anders. Abgesehen von den fixen Unterrichtszeiten und Sitzungen bin ich sehr flexibel. Nach dem Religionsunterricht bereite ich Lektionen und ausserschulische Projekte für Kinder und Jugendliche vor. Ich organisiere die Firmvorbereitung und Familiengottesdienste oder helfe bei Pfarrei-Anlässen mit. Am Wochenende bin ich oft mit Jugendlichen unterwegs. Ich leite die Jugend- und Ministrantengruppe und das Katecheten-Team des Pastoralraums. Aktuell begleite ich eine Studierende des RPI während ihrer Praxiszeit in unserem Pastoralraum.
Unterricht ist nur ein kleiner Teil
Dieses Jahr unterrichte ich in fünf Klassen. Viele denken, dass man als Religionspädagogin vor allem im Unterricht präsent ist. Sie sind dann ganz erstaunt, wenn ich erzähle, was ich sonst noch so mache, beispielsweise in der Jugendarbeit. An meinem Beruf schätze ich die vielen Freiheiten. Ich muss nicht wie bei einem Bürojob fixe Zeiten absitzen. Ich kann meine Kreativität ausleben und neue Projekte und Ideen umsetzen.
Es gibt ja viele Menschen, die regelmässige Arbeitszeiten brauchen. Ich hingegen nicht. Mir macht es nichts aus, wenn ich an einem Sonntagabend eine Veranstaltung habe. Wenn ich ein Wochenende durchgearbeitet habe, schätze ich es umso mehr, wenn ich dafür an einem anderen Tag frei nehmen kann. Da ich bei so vielen Gremien und Gruppen dabei bin, ist der administrative Aufwand nicht zu unterschätzen. Ich arbeite mit vielen verschiedenen Freiwilligen zusammen und schreibe entsprechend viele Mails, damit alle auf dem neusten Stand sind.
Während des Studiums muss man offen sein und die Bereitschaft mitbringen, Dinge zu hinterfragen. Die theologischen Fächer haben mir dabei geholfen, den katholischen Glauben besser kennenzulernen. Und ich war doch einige Male erstaunt, wie vielfältig dieser ist. Während der Praxiszeit konnte ich das Gelernte direkt in der Praxis ausprobieren.
Team- und Kritikfähigkeit sind wichtig
Auch bei der Arbeit in der Pfarrei braucht es im täglichen Umgang mit Menschen Offenheit. Daneben sollte man als Religionspädagogin Freude an religiösen Themen und an der Glaubensvermittlung haben sowie teamfähig sein, da man mit vielen verschiedenen Menschen zusammenarbeitet. Und man sollte die Fähigkeit mitbringen, mit Kritik gut umzugehen: Man exponiert sich in diesem Beruf doch sehr, und das Feedback kommt jeweils unvermittelt. Da ist es hilfreich, reflektieren zu können, ob man auf dem richtigen Kurs ist. Aber es ist genauso wichtig, zu dem zu stehen, was man macht.
«Ich war lange Oberministrantin. Dieses Hobby habe ich nun zu meinem Beruf gemacht.»
Mir ist der Glaube sehr wichtig. Oft höre ich, dass die katholische Kirche langweilig und altmodisch sei. Ich möchte vor allem den Jugendlichen aufzeigen, dass das nicht so ist. Für Kritik bin ich offen, mir ist es aber auch wichtig, dass sich die Jugendlichen aktiv in der Kirche vor Ort einbringen, denn nur so kann ein Wandel gelingen.
Ich finde es spannend, mit Kindern und Jugendlichen über Glaubensfragen zu diskutieren und sie aus der Reserve zu locken. Kommt man mit ihnen ins Gespräch, stellt man fest, dass Jugendliche sehr wohl eine Meinung zu Glauben und Religion haben – oft einfach nicht die klassischen Bilder dazu. Ich bin gern mit Jugendlichen unterwegs, habe gute Gespräche mit ihnen. Oft denke ich: Was für eine tolle Aufgabe! Und dafür werde ich auch noch bezahlt.
Viel mehr Freiraum als im alten Beruf
Ich trete gerne mit anderen Menschen in Kontakt und geniesse die Freiheit, an einem Projekt zu arbeiten, wie und wann ich will. In meinem alten Beruf als Detailhandelsfachfrau hätte ich nicht so viel mitentscheiden können, die Strukturen waren gegeben. Jetzt kann ich mich einbringen, kreativ sein, Konzepte entwickeln, das mag ich.
Dennoch würde ich zuerst wieder eine Lehre im Detailhandel machen. Auch da habe ich viel für mich gelernt, zum Beispiel, was es heisst, anzupacken. Noch heute profitiere ich von Dingen, die ich in der Berufsschule gelernt habe. Und die helfen mir auch in meinem neuen Beruf.