Respekt entsteht durch Nähe und Haltung
Daniel Krieg leitet das Priesterseminar in Chur und leitete davor die beiden Pfarreien St. Martin und Bruder Klaus im Seelsorgeraum Altdorf UR. Er begleitet Menschen in Krisen und gestaltet kirchlichen Wandel. Dabei setzt er auf Bodenhaftung, klare Haltung und die Bereitschaft, sich Vertrauen und Respekt immer wieder neu zu erarbeiten.
«Da kommt der junge Schnösel und weiss alles besser», dachten wohl manche, als ich als Pfarrer in Altdorf begann. Die Gemeinde war in zwei Pfarreien geteilt. Beim Zusammenführen stiess ich zuerst auf Widerstand. Heute ziehen wir an einem Strick. Früher gab es fünf Priester, heute bewältige ich das Pensum mit meinem Pfarreiteam. Das gelingt auf Dauer nur, wenn die Leute vom alten Versorgungsdenken wegkommen, ihren Glauben aktiver leben und sich engagieren. Es ist spannend, traditionelles Denken aufzubrechen, braucht aber Zeit.
«Der Nimbus des Pfarrers ist heute verloren. Das spornt an, sich Respekt zu verdienen.»
Daniel Krieg
Ein gut gepackter theologischer Koffer ist nützlich. Doch auch mit dem Kopf im Himmel musst du mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. Früher war der Pfarrer ein Gott in Schwarz. Heute hast du den Nimbus verloren, musst dir den Respekt erst verdienen. Das spornt mich an. Der Job geht manchmal an die Nieren – ob Notfallseelsorge bei Lawinenverschütteten, Spitalbesuche oder Todesfälle daheim. Es berührt, wenn du Einsamkeit oder Verwahrlosung erlebst. Und du erreichst nie alle. Wer deine Hilfe nicht will, dem kannst du nur signalisieren: Die Tür steht offen. Ich bin froh um die Gabe, am Abend ablegen und schlafen zu können. Sonst verbläst es dich.
Überzeugende Vorbilder in der Pfarrei
Bibelgeschichten mochte ich schon als Kind. Im Gymnasium konnte ich mir viele Studienrichtungen vorstellen: Medizin, Biologie, Geografie – und Theologie. Meine Schwester und ich stritten oft, wer mit Vater auf dem Töff am Sonntag zur Bergkapelle ob Siebnen fahren durfte. Die war ein Stück Heimat für mich, der Pfarrer dort ein Original – sehr explosiv, aber echt. Er gab uns Ministranten Verantwortung, liess uns anstelle des Sigrists die Kerzen, Bücher und Hostien parat machen. Mit Leuten konnte er es gut, war sofort da, wenn ihn jemand brauchte. Auch der Pastoralassistent war mir Vorbild: Sein Religionsunterricht machte Spass, in den Jungwachtlagern begeisterte er mit Gespenstergeschichten. Das Päckli in der Pfarrei überzeugte einfach – das gab mir noch vor der Matura den Ausschlag fürs Theologiestudium.
Zu Beginn sah ich mich als Pastoralassistenten mit Frau und Kindern. Während ich im Studium über so manches Bekehrungserlebnis meiner Kollegen staunte, wuchs mein Priesterwunsch langsam heran, ganz ohne Initialzündung. Es war schlicht eine Option, mit der ich mich auseinandersetzte. Ich begegnete Leuten, die das Amt erfüllte. Horchte in mich rein: Kann ich das auch oder ist der Wunsch nach Familie grösser?
Nach zwei Semestern im Ausland spürte ich, das ist mein Weg. Danach ging ich gerade aufs Ziel zu – mit Pastoraljahr, später als Diakon und Vikar in der Pfarrei. Ich liess mir Zeit, wollte den Beruf kennenlernen, mir sicher sein. Letztlich entschied das Herz. Viereinhalb Jahre nach der Weihe begann ich als Pfarrer in Altdorf.
«Priester bist du auch, wenn du einkaufen gehst.»
Oft wirst du unterwegs angesprochen, leistest «Trottoirseelsorge». Die Verfügbarkeit ist wichtig, kann aber eine Last sein. Darum gehe ich raus an meinem freien Tag. Ich wandere oder bin auf der Alp. Oder ich lese, um mein Ziel von 1 Million Buchseiten zu erreichen. Bürde ich mir zu viel Arbeit auf, sorgt mein Pfarreiteam für Balance: Für jeden bezogenen freien Tag bekomme ich ein Kleberli auf eine Sammelkarte, für eine volle gibt es ein Geschenk.
Die Rolle ablegen, nur Mensch sein
Ausgleich bietet auch meine Familie. Bei ihr kann ich meine Rolle ablegen, nur Mensch sein. Natürlich bitten meine Geschwister auch mal um geistigen Rat. Genauso wie ich bei Rückenschmerzen zu meiner Schwester in die Physiotherapie gehe. Doch für sie bleibe ich der alte Daniel. Halte ich die Kinder meiner Geschwister im Arm, denke ich schon mal: Wär doch schön. Dann sehe ich wieder, wie viele Impulse ich geben und schöne Begegnungen ich erleben darf – und der Weg zurück zur Gelassenheit fällt leicht.