Eine Pfarrei für viele Lebenswelten
Benjamin Meier arbeitet als Seelsorger und Pfarreileiter in der Pfarrei St. Johannes der Täufer Walchwil im Pastoralraum Zug–Walchwil. Er bringt Menschen unterschiedlicher Generationen und Lebenswelten zusammen, begleitet sie in Trauer und Krisen und gestaltet das Pfarreileben. Dabei versucht er, allen einen Platz in der Gemeinschaft zu geben.
In meiner Funktion als Gemeindeleiter in der Pfarrei Walchwil verantworte ich die Gestaltung des Pfarreilebens. Dazu gehören auch die seelsorgerische Begleitung und das Zusammenbringen verschiedener Menschen und Gruppen sowie Treffen beispielsweise mit Freiwilligen, mit Lektoren oder dem «Chinderfiir»-Team. Bei den verschiedenen Anlässen des liturgischen Jahres haben wir den Anspruch, generationenübergreifend zu sein und unterschiedliche Altersklassen zu vernetzen.
«Die stille, aber spürbare Bestätigung ist die schönste.»
Benjamin Meier
Einen typischen Alltag in der Pfarrei gibt es nicht. Jeder Tag ist anders: Viel Organisatorisches erledige ich im Büro. Seelsorgegespräche, auch Trauergespräche, gehören genauso dazu wie Hausbesuche oder Team-, Planungs-, Rats- und Kommissionssitzungen.
Ich bin katholisch aufgewachsen. Beten und der sonntägliche Gottesdienst waren selbstverständlich, ohne dass wir besonders fromm waren. Mein Bruder arbeitet heute ebenfalls in der katholischen Kirche. Unsere vielen Gespräche über Gott und die Welt haben mich geprägt. Als ich an meinem begonnenen Wirtschaftsingenieurstudium zu zweifeln begann, folgte eine Phase der Orientierungslosigkeit.
Ein Weg aus der Krise
Mein Umfeld hat mich in dieser Krise ermutigt, in Richtung eines kirchlichen Berufs zu gehen. So habe ich den Schritt gewagt und mich für das Studium an der Theologischen Hochschule Chur eingeschrieben. Sie ist stark pastoral ausgerichtet. Es wird grossen Wert darauf gelegt, Seelsorgende praxisnah für die Arbeit in einer Pfarrei auszubilden. Zusätzlich habe ich das kirchliche Nachdiplomstudium Berufseinführung (BE) absolviert. Dabei handelt es sich um eine zweijährige Reflexions- und Ausbildungszeit zur seelsorgerischen Praxis – mit Themen wie Gesprächsführung, Diakonie, Umgang mit Armut und vielem mehr. Davon profitiere ich heute sehr.
Verschiedene Melodien gleichzeitig spielen
Walchwil besteht aus einem Dorfkern unten und einem höher gelegenen Berggebiet mit traditionellem und ländlichem Leben auf bis 1240 Meter über Meer. Ein Teil meiner seelsorgerischen Arbeit sind auch Hofsegnungen. Ich werde von Bauernfamilien eingeladen, Menschen, Tiere und Gebäude zu segnen – mit der Bitte um Schutz und Bewahrung vor Krankheiten, Seuchen und Feuersbrunst sowie um gute Ernte.
Gleichzeitig haben wir in Walchwil eine starke Gemeinschaft von Expats mit verschiedenen sprachlichen und kulturellen Hintergründen. Sie sind in erster Linie aufgrund ihrer Arbeit in der Schweiz und suchen dann, je länger sie hier leben, Kontakt zur Dorfbevölkerung – und auch zur Pfarrei. Das ist toll, denn es trägt zu einer bunten Gemeinde bei. In unserem Kirchenchor singen 16 verschiedene Nationen mit. Für die Seelsorge besteht die Herausforderung darin, dass alle ihren Platz finden. Ich muss spüren können, was die Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswelten von der Pfarrei brauchen. Es ist, als würde man verschiedene Melodien gleichzeitig spielen.
Man muss sich zudem bewusst sein, dass es in diesem Beruf keine wirklichen Büroarbeitszeiten gibt. Gerade mit meiner Leitungsfunktion arbeite ich oft abends und an Wochenenden. Das ist häufig dann, wenn sich andere ausruhen. Die gemeinsamen Zeiten oder Ferien mit meiner Frau – die auch als Pfarreiseelsorgerin arbeitet – müssen im Voraus geplant und in der Agenda eingetragen sein.
Etwas Wesentliches beitragen
In Gesprächen muss ich oft Hemmschwellen abbauen – etwa in Trauersituationen, wenn Menschen zunächst unsicher oder zurückhaltend sind. Die schönsten Erlebnisse sind die Momente, in denen wir mit unserer seelsorgerischen Arbeit etwas Wesentliches beitragen können: wenn sich Menschen im Gespräch öffnen und danach spürbar erleichtert, innerlich ruhiger und zufriedener weitergehen. Diese stille, aber spürbare Bestätigung ist für mich die schönste.