Zusammen aufs Leben zurückblicken
Edith Birbaumer begleitet ältere und kranke Menschen durch den Alltag im Pflegeheim und bis an ihr Lebensende. Als Pfarreiseelsorgerin im Pastaralraum Stadt Luzern hört sie zu, nimmt Lebensgeschichten ernst und schafft Beziehungen, die auch in schwierigen Momenten tragen. Dabei verbindet sie Nähe mit professioneller Distanz und ist für alle Menschen immer da unabhängig von ihrem Glauben.
Ich mag alte Menschen, lasse mich gerne auf ihre Welten ein. Im Pflegeheim begleite ich alte wie junge Patienten in allen Stadien ihrer Krankheit, auch im Sterben. Wir reden über das Kranksein, aber auch über Alltägliches, ihr Leben, Humorvolles. Im Gespräch baust du eine Beziehung auf, die hält, wenns kritisch wird. Abhören allein genügt nicht, die Patienten erwarten Resonanz. Erzählen tut gut, gibt Kraft, stärkt das Wohlbefinden – das ist mein Beitrag zur Gesundheit der Bewohner und Bewohnerinnen. Auf Wunsch zünde ich auch mal eine Kerze für jemanden in der Hauskapelle an, spreche einen Segen, organisiere einen Priester für die Krankensalbung. Oder ich gestalte im Todesfall mit den Angehörigen eine Abschiedsfeier.
Mich kann jeder in Anspruch nehmen, egal woran oder wie jemand glaubt. Wer ein Bedürfnis nach Seelsorge hat, den nehme ich ernst. Eine Seele spreche ich allen Menschen zu, es geht nicht um Bekehrung. Öffnet sich mir jemand, ist das für mich ein Privileg. Wie die Vielfalt an Menschen und Lebenserfahrungen.
«Alte Menschen sind wie Frachtschiffe: Sie führen eine riesige Ladung Lebensgeschichten mit sich.»
Edith Birbaumer
Auch das Personal lädt hie und da Alltagssorgen ab
Ich begrüsse jeden neuen Patienten persönlich und zeige: Ich bin da bei Bedarf. Ich warte nicht im Büro, sondern gehe zu den Leuten. Laufe durch die Abteilungen, damit sie mich packen können. Oft gibt es zwischen Tür und Angel Begegnungen, beim Essen oder über dem Kreuzworträtsel. Auch das Personal lädt bei mir hie und da Alltagssorgen ab, mitten auf dem Flur. Du musst spüren, wann und ob dich jemand braucht. Beim ersten Kontakt stehe ich manchmal am Berg und finde den Anfang nicht, weil ich mit leeren Händen komme. Ich muss nichts tun, sondern biete einfach meine Gesprächsbereitschaft an. Ist die erste Hürde genommen, ergibt sich das Weitere meist von selbst.
Geschichte, Philosophie, Sozialarbeit? Theologie!
Im Gymnasium las ich viel über Religionen. Doch Theologie hatte ich zunächst nicht im Blickfeld. Mich interessierten Geschichte, Sprachen und Philosophie. Da erzählte mir eine Kollegin vom Theologiestudium und ich sagte mir: Warum nicht all deine Lieblingsthemen zusammen studieren? Doch ich zögerte, konnte nicht zu allem in der Kirche blind Ja sagen und: Wer studiert so was heute noch? Ich liebäugelte mit einer Ausbildung in Sozialer Arbeit.
Als ich jedoch an einem Schnuppertag der Uni erfuhr, dass es Sozialarbeit als Nebenfach zum Theologiestudium gibt, wollte ich den Versuch wagen. Zuvor machte ich ein Zwischenjahr, arbeitete unter anderem in einem Altersheim, was mir grosse Freude machte. Als ich mit dem Studium begann, war es keine Frage mehr: Hier gehöre ich hin.
Ich jobbte neben der Ausbildung weiter im Pflegebereich und holte mir Know-how in Gesprächsführung im «Clinical Pastoral Training». Nach dem Abschluss sammelte ich Erfahrungen bei einer Entwicklungsorganisation in Kenia, bevor ich die Berufseinführung zur Pastoralassistentin in einer Pfarrei begann. Religionsunterricht war nicht mein Ding, wie ich bald merkte. Da musst du Zugpferd sein, hinstehen und sagen, was läuft. Altersseelsorge und Sozialdienst gefielen mir besser. So reifte langsam der Entscheid für einen Wechsel. Ich absolvierte berufsbegleitend den Master of Advance Studies in «Altern und Gesellschaft» an der Hochschule Luzern, den ich 2015 abschloss.
Mitten drin stolperte ich unverhofft über die ausgeschriebene Seelsorgestelle im Pflegeheim Steinhof. Es war genau das, wonach ich suchte: ein Ort, wo ich meine Stärken und Vorlieben einbringen kann. Im Pflegeheim bin ich nicht so exponiert wie in der Pfarrei, repräsentiere weniger die Kirche, sondern die Seelsorge. Ich kann mit den Menschen ein längeres Wegstück gehen, mehr in die Tiefe gehen. Und mich reizt die Schnittstelle zwischen Medizin und Spirituellem.
«Es braucht Nähe und Distanz zugleich. Nur so bleibst du in deiner Rolle, kannst unterstützen.»
Vieles geht mir nahe – eine 96-jährige Mutter am Sterbebett ihrer 60-Jährigen Tochter genauso wie ein Gleichaltriger, der unheilbar krank ist. Du musst das ein Stück weit an dich ranlassen. Wäre ein Mensch für mich nur noch ein Fall, wäre ich fehl am Platz. Zieht es mich aber zu fest rein, verliere ich meine Rolle und bin keine Stütze mehr. Nach einem Gespräch lüfte ich den Kopf, ziehe mich ins Büro oder in die Kapelle zurück, schaue aus dem Fenster. Erst dann kann ich weitermachen oder am Abend unbelastet heimgehen.