Seelsorge in der Gassenküche
Valentin Beck arbeitet als Seelsorger in der Pfarrei St. Paul Luzern und für den Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern und verbindet Pfarrei- und Gassenseelsorge. Er hört zu, begleitet Menschen in existenziellen Fragen und schafft Begegnungen auf Augenhöhe. Die Sicht von Armuts- und Suchtbetroffenen prägt so seinen Blick auf Gesellschaft.
Ich bin in einem Dorf im Kanton Luzern aufgewachsen. Kirchlich geprägt wurde ich durch den Dorfpfarrer, den ich als sehr authentisch erlebt habe, sowie den Präses der Jungwachtschar. Ich habe gesehen, wie vielfaltig und erfüllend der Beruf als Seelsorger sein kann, in dem Leid und Freude sehr nahe beieinander liegen. Man hat sehr viel Kontakt mit den Leuten, verbindet verschiedene Rollen, bietet vor allem aber Begleitung und Seelsorge. In meinen jungen Jahren waren beide für mich wertvolle Gesprächspartner, die mir auf Augenhöhe begegneten.
«Nach Begegnungen mit Menschen von der Gasse sieht man einige Dinge ganz anders und schaut genauer hin.»
Valentin Beck
Dazu kommt das Glaubensleben meiner Grossmutter. Es gab ihr immer Halt und war authentisch in ihr Leben eingebettet. Im Elternhaus war der Glaube auch im Alltag präsent: Wir besuchten Gottesdienste und engagierten uns in der Pfarreigemeinschaft. Mein Vater war Hausarzt im Dorf und die Praxis war bei uns im Haus. Deswegen erlebte ich oft mit, wie er Patienten in schwierigen existenziellen Situationen half.
Gleichaltrige mit komplett anderen Sorgen
Als Jugendlicher war ich an Philosophie interessiert und betrachtete Religion als interessantes Phänomen. Nach der Matura besuchte ich mit den Menzinger Schwestern Lesotho in Afrika. Ich verbrachte dort ein Jahr und konnte in einer Schule aushelfen. Dort erlebte ich eine lebendige Liturgie, an der sich alle Generationen beteiligten. Besonders geprägt wurde ich durch Gespräche mit gleichaltrigen Jugendlichen. Ihre Sorgen sind ganz anders als diejenigen in der Schweiz.
All diese Eindrücke führten dazu, dass ich mich für das Theologiestudium in Fribourg entschied – zunächst ohne gezielte Berufsaussichten. Neben Fribourg studierte ich auch in Berlin und machte danach den Master of Secondary Religious Education in Luzern (Höheres Lehramt). Danach unterrichtete ich 7 Jahre lang in Alpnach an der Oberstufe und hatte eine Kirchengeschichts-Assistenzstelle an der Uni Luzern inne.
Sieben Jahre lang war ich Bundespräses von Jungwacht-Blauring Schweiz – eine gute Zeit. Ich war sehr glücklich und engagiert. Ich musste Verantwortung übernehmen und selbst entscheiden, das hat mein Selbstbewusstsein, meine Reife gefördert. Für diese Aufgabe half mir mein Theologiestudium, aber auch meine kirchliche Vernetzung. Die Themenvielfalt war gross: Von Missbrauchsprävention über die Überarbeitung der Webseite bis zur Kursausbildung für neue Leitende – all diese Tätigkeiten motivierten mich sehr. Zudem übernahm ich Stellvertretungen als Psychiatrieseelsorger.
Zwei Aufgaben, die sich ergänzen
Jetzt arbeite ich 60 Prozent in der Pfarrei und 30 Prozent bei der Gassenarbeit. Das passt sehr gut zusammen, beides ist lokal, und die Seelsorge steht im Zentrum. Ich bin jeweils mit dem Velo zwischen Gassenküche, Pfarrkirche, Altersheim, Gefängnis, Friedhof und Spital unterwegs. Es sind weniger Projekte als früher, dafür tiefergehende Begleitungen von Menschen. Ich bin jetzt Seelsorgender, den PC brauche ich viel weniger als früher.
Bei der Gassenarbeit habe ich kein Büro, es ist wichtig, bei den Menschen vor Ort zu sein. Als Treffpunkt dient die Gassenküche, dort kommen nicht alle hin, aber viele. Es ist wie eine Info-Zentrale, man bekommt vieles mit. Ich esse ein bis zweimal pro Woche dort und bleibe dann den halben Nachmittag. Unten ist die Küche, das Esszimmer – dort entsteht Gemeinschaft, Wärme, Geborgenheit. Oben sind die Konsumationsräume – dort kommen Drogensüchtige regelmässig hin: Wenn man jemanden sucht, findet man ihn sicher dort. Wer will, kann mit mir über existentielle Themen wie Sterben und Versöhnung und über Gott und die Welt reden.
Dazu kommt administrative Arbeit; nicht viel, ich sitze so wenig am Computer wie nie zuvor. Dann mache ich etwas Vereinsarbeit – redigiere oder schreibe zum Beispiel Artikel für die GasseZiitig oder suche eine Autorin oder einen Autor für ein bestimmtes Thema. Daneben mache ich Info- und Sensibilisierungsarbeit, zum Beispiel an Schulen oder bei Firmandinnen und Firmanden.
Abdankung in der Gassenküche
Ab und zu halten wir in der Gassenküche eine Abdankungsfeier, jeweils kurz vor dem Mittag, da sind die meisten anwesend. Wir zünden eine Kerze an und teilen Erinnerungen an die verstorbene Person. Zu den Begegnungen auf dem Friedhof kommen meistens nur Angehörige, die anderen schaffen es nicht, auf eine genaue Uhrzeit zu kommen.
Weihnachten feiern wir tagsüber im Paradiesgässli. Dorthin kommen suchtkranke Eltern mit ihren Kindern. An Heiligabend organisieren wir eine Weihnachtsfeier in der Gassenküche. Im Februar gibt es jeweils eine ökumenische Gedenkfeier für alle, die im letzten Jahr gestorben sind.
Anregende Begegnungen auf Augenhöhe
Ich schätze sehr, dass die meisten Betroffenen sehr direkt sind. Sie reden nicht um den heissen Brei herum und sprechen Dinge unverblümt an. Das trifft man im Umgang mit Leuten, die nicht auf der Gasse leben, selten an. Die Begegnungen mit Randständigen sind auf Augenhöhe, die Betroffenen sind sich nicht gewöhnt, dass man sie zum Beispiel lobt, aber das macht ihnen Freude. Sie haben eine sehr alternative Sicht auf die Gesellschaft, ganz andere Ansichten als die durchschnittliche Gesellschaft.
Es ist sehr anregend: Nach Gesprächen mit ihnen sieht man einige Dinge ganz anders und schaut genauer hin. Sucht- und armutsbetroffenen Menschen fällt Ungerechtigkeit stärker auf. Wir nehmen die normalerweise nicht wahr, aber dort wird man aufmerksam.
Es ist spannend, es gibt originelle Persönlichkeiten, man weiss vor einem Besuch nie, was einen erwartet. Manchmal ist es recht streng. Aber es ist kein Ort des Elends – es wird viel gelacht und Betroffene haben sehr viel Selbstironie.
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