Seelsorge, die Barrieren abbaut
Fabienne Eichmann leitet die Behindertenseelsorge im Kanton Luzern. Unterwegs in Institutionen, Schulen und Pfarreien schafft sie Zugänge, baut Vorurteile ab und entwickelt Angebote gemeinsam mit den Menschen vor Ort. Dabei setzt sie sich für Inklusion, Selbstbestimmung und eine Kirche ein, in der jede:r selbstverständlich dazugehört.
Als Jugendliche hätte ich nie gedacht, dass ich ausgerechnet in der Katholischen Kirche meinen Traumberuf finde, dass es für mich hier einen Platz gibt, an dem ich mich so wohl fühle. Einen konkreten Karriereplan hatte ich nie. Nach der Wirtschaftsmittelschule mit Berufsmatura schrieb ich mich aus purem Gwunder am Religionspädagogischen Institut in Luzern ein. Damals war ich selbst überrascht, wie mich Theologie und pastorale Aufgaben immer mehr faszinierten.
«Wir können vom Wissen und den Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen lernen.»
Fabienne Eichmann
Dreifachmama unterwegs für ihre Berufung
Nach sieben Jahren in der Pfarrei- und Jugendarbeit startete ich als dreifache Mutter mit 32 Jahren mein Theologiestudium in Luzern. Es war eine super Zeit – inhaltlich und menschlich. Danach tauchte ich voll ein in das bunte A bis Z der Pfarreiarbeit: von Abschiedsfeiern bis Zirkusgottesdiensten, von Pferdesegnungen bis zur Spitalseelsorge.
Heute bin ich in der Behindertenseelsorge angekommen. Das ist ein eigener Fachbereich. Seit über 50 Jahren begleitet die Luzerner Behindertenseelsorge Menschen mit geistigen sowie körperlichen Behinderungen, Angehörige und Mitarbeitende mit einer ökumenisch offenen Haltung. Das bedeutet, wir arbeiten über Konfessionsgrenzen hinweg mit Menschen aus verschiedenen christlichen Kirchen. Unser Angebot ist eine Ergänzung zur Seelsorge in den Pfarreien und Pastoralräumen. Ich bin im “Aussendienst“ viel unterwegs und selten im Büro anzutreffen. Mit Velo, Auto und ÖV düse ich im ganzen Kanton Luzern herum, um Menschen zu treffen.
Begegnungen ohne Barrieren
Diese aufsuchende Seelsorge umfasst Personen in rund 25 Institutionen, darunter auch heilpädagogische Schulen und Pfarreien. Langweilig wird mir meine Arbeit nie! Kein Tag ist wie der andere. Mir ist wichtig, Zugänge zu schaffen und Barrieren abzubauen. Das entspricht mir. Ausprobieren, was möglich ist, direkt mit den Menschen vor Ort und mit ihren eigenen Ideen. Ich warte nicht auf bessere Umstände. Das Kreative und Unmittelbare in der Begegnung mit Menschen fasziniert mich am meisten. Dabei zu sein, wenn sich Freiräume auftun. Wenn Menschen spüren: ‹Ich bin mehr als das, was mich belastet!› Das sind für mich echte Gänsehaut-Momente.
Inklusion ist ein zentraler Leitbegriff meiner Arbeit. Als Seelsorgerin darf ich zeigen, was Glaube für mich bedeutet: Jede und jeder gehört dazu. Menschen mit ihren Begabungen und Behinderungen sind ein selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft. Vor diesem Hintergrund sind für mich Behinderungen und der Umgang damit etwas, das uns alle angeht. Eine Frau mit Mehrfachbehinderung hat einmal zu mir gesagt: ‹Die grösste Barriere ist nicht die Schwelle vor der Tür. Die grösste Barriere ist unsichtbar. Sie ist im Kopf des Gegenübers.›
Die Welt braucht Diversität
Wir können vom Wissen und den Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen lernen. Davon bin ich überzeugt. Sie haben Special Skills, die wir in unserer komplexen Welt dringend brauchen. Sie kennen sich aus mit Hürden und Begrenzungen. Sie kennen Sprachen, die Schwieriges einfach ausdrücken. Sie nutzen verschiedene technische Hilfsmittel, mit denen die wenigsten von uns in Berührung kommen. Sie leben in unkonventionellen Körpern ein Leben, das hart und zugleich schön ist. Vielleicht ist es das, was meine Arbeit zum Traumberuf macht. Ich darf ein Teil der Katholischen Kirche zu sein, der sich aktiv für Diversität, Body Positivity und Selbstbestimmung einsetzt.