Menschen hinter den Zahlen sehen
Ronya Jörg berät beim katholischen Sozialdienst in St. Gallen Menschen in finanziellen Notlagen. Dabei blickt sie als Sozialarbeiterin hinter Zahlen und lernt unterschiedliche Lebensgeschichten kennen. Neben Budget- und Sozialversicherungsfragen entwickelt sie auch kreative Projekte – mit viel Spielraum für individuelle Lösungen und so neue Formen der Teilhabe vor Ort.
Ich arbeite beim katholischen Sozialdienst und bin für den Westen der Stadt St. Gallen (Bruggen, Abtwil, Winkeln und Engelburg) zuständig. Wir bieten freiwillige Sozialberatung für Menschen in Notsituationen an. Die allermeisten Personen kommen bei finanziellen Engpässen zu uns. Wir führen Budgetberatungen durch, geben Antworten bei Fragen zu Sozialversicherungen und können punktuell finanzielle Hilfe leisten.
«Menschen aus verschiedenen Kulturen und ihre Geschichten kennenlernen macht meinen Beruf so spannend.»
Ronya Jörg
Unsere Klientinnen und Klienten tragen ihre Lebensgeschichten und Schicksale an uns heran. Da ist es wichtig, ihre Themen nicht mit nach Hause zu nehmen und sich abgrenzen zu können. Ausserdem haben wir auch ab und zu Klientinnen und Klienten, bei denen wir «Nein» sagen müssen – beispielsweise, wenn sie mit sehr hohen Rechnungsbeträgen kommen. Das sind immer herausfordernde Situationen. Aber bei der kirchlichen Sozialarbeit können wir uns Zeit nehmen für die Menschen und Lösungsfindung.
Klientinnen und Klienten nicht nur als Zahlen sehen
Vor meiner Arbeit heute habe ich eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten bei der städtischen Verwaltung gemacht. Ich wechselte dabei alle sechs Monate die Abteilung und durfte auch ein halbes Jahr auf dem Sozialamt arbeiten. Aus Datenschutz- und Sicherheitsgründen hatte ich als Lernende keinen direkten Kontakt mit den Klientinnen und Klienten und arbeitete im Backoffice. Dies frustrierte mich, weil ich gerne die Menschen hinter den Zahlen auf meinem Computer kennenlernen wollte.
So kam ich auf die Idee, Soziale Arbeit zu studieren. Entsprechend habe ich nach der Lehre Vollzeit die Berufsmaturitätsschule besucht. Meine Vorpraktika absolviert habe ich im Kinderdörfli Lütisburg, einem Heim für Kinder und Jugendliche mit Lernschwäche, sowie bei der Peregrina Stiftung, einer Beratungsstelle für Asylsuchende und Geflüchtete. Während des Studiums arbeitete ich bei den Sozialen Diensten Wil.
Viel Admin, aber noch mehr Dankbarkeit
Einen typischen Tagesablauf gibt es bei mir nicht. Es kommt immer mal wieder vor, dass Klientinnen und Klienten unangemeldet vor der Türe stehen. Neben den persönlichen Beratungsgesprächen gibt es auch viel Administrationsarbeit zu erledigen. Vielen ist das nicht so bewusst. Es gibt Tage, an denen wir nur Abklärungen für Klientinnen und Klienten erledigen, Mails beantworten, Telefonate führen oder finanzielle Gesuche an Stiftungen schreiben. Aber die Erfolgserlebnisse und die Dankbarkeit der Klientinnen und Klienten sind das, was mich in meinem Beruf erfüllt.
Das Schöne an der kirchlichen Sozialarbeit – im Vergleich zur gesetzlichen – ist definitiv, dass wir für unsere Arbeit sehr viel Spielraum haben. Die finanziellen Fonds werden grösstenteils durch Spenden generiert und unterliegen so keinem Gesetz, das mit einem strengen Raster vorgibt, wem was zustehe.
Neben der Beratung lancieren wir verschiedene weitere soziale Projekte für Menschen in verschiedensten Lebenslagen. Kreative Ideen sind sehr willkommen – praktisch alle unsere Ideen werden bewilligt. Wir veröffentlichen beispielsweise Biografien von Klientinnen und Klienten, stellen von ihnen gemalte Bilder an einer Vernissage aus oder organisieren einen Kleidertausch.